Samstag, 31. Dezember 2016

Dezember 2016 – Giarmata in den Medien

Vier Menschen und sich selber erschossen
aus Tion.ro, Timișoara / Temeswar; 02.12.2016
Der mit Wohnsitz in Giarmata gemeldete Dragoș Cristian Furtună, 28 Jahre alt, ist erst kürzlich aus Deutschland zurückgekehrt. Er hat gleich danach seine Freundin in Palilula, ein Dorf in der Nähe von Craiova, besucht und ist mit den Nachbarn der jungen Frau in Streit geraten. Die Situation ist derart eskaliert, dass der Giarmataer mit einer Pistole drei Menschen tötete, einen schwer verletzte und sich schließlich selber richtete.

Literaturpreis für Aquilina Birăescu
aus ZIUAdeVEST.ro, Timișoara  / Jahrmarkt; 09.12.2016
Die Filiale Temeswar des rumänischen Schriftstellerverbandes hat ihre Preise für das Jahr 2015 vergeben. In der Kathegorie Prosa wurde die aus Cerneteaz stammende Schriftstellerin Aquilina Birăescu für ihren Kurzgeschichtenband Exerciții de matematică subiectivă  (Übungen subjektiver Mathematik) ausgezeichnet.
+ + + Herzlichen Glückwunsch! + + +

EU-Gelder für weitere Arbeiten an der A1 und dem Zubringer über Giarmata
aus Tion.ro, Timișoara / Temeswar; 12.12.2016
Bis zum 6. Juli 2017, 15:00 Uhr, müssen die Anträge für die Fördermittel der EU zwecks Ausbau der Straßeninfrastruktur in Westrumänien bei der Europäischen Gemeinschaft eingereicht sein. Zu den zur Förderung eingereichten Projekten sollen auch weitere Arbeiten an der Autobahn A1 auf der Strecke Arad – Giarmata und der Ausbau der Zufahrtsstrecke zur A1 zwischen Temeswar und Giarmata gehören.
+ + + Wer die rumänische Ministerialbürokratie kennt, weiß, dass diese Gelder noch lange nicht im Trockenen sind. + + +

Der Weihnachtsmann kommt auf dem Motorrad
aus Tion.ro, Timișoara / Temeswar; 15.12.2016
Auch heuer fährt der Weihnachtsmann in motorisierter Begleitung der Fahrer des Temeswarer Motorradclubs Timișoara Bikers durch banater Ortschaften und verteilt Geschenke an bedürftige Kinder. Am 17. Dezember soll der Biker-Tross auch in Giarmata haltmachen.
+ + + Eine nachahmenswerte Geschichte. + + +

Winterbräuche in Giarmata
aus RenaștereaBănățeană, Timișoara & Temeswar; 19.12.2016
Schon zum sechsten Mal fand auf der Bühne des Giarmataer Kulturheims das Festival der  Weihnachtslieder und Winterbräuche statt. Das Kulturheim war für den großen Andrang der Zuschauer zu klein. Organisiert wurde das Festival auch heuer vom Rathaus, dem Gemeinderat und dem Kulturverein Pro Datina (Pro Brauchtum). Neben der Giarmataer Tanzgruppe Sânziene Bănățene traten auch Ensembles aus den Kreisen Maramureş, Suceava, Sibiu und Sălaj auf. Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Abends trugen die Solisten Doriana Talpeş, Bogdan Toma, Ciprian Pop, Mihaela Lucia Piţigoi, Denisa Rolnic und Radu Goţa bei.
+ + + Hier kann man sich die erste Auflage dieses Festivals anschauen und hier die sechste, also die von heuer. + + +

Ein Pärchen auf Diebestour in Temeswar
aus Tion.ro, Timișoara / Temeswar; 21.12.2016
Die Frau, 21 Jahre alt, stammt aus Calafat und wohnt in Giarmata, der Mann, 24 Jahre alt, kommt aus Craiova. Beide bilden ein erfolgreiches Taschendiebduo. Bei einem ihrer Raubzüge durch Temeswar hatten sie letztens aber Pech: Polizisten beobachteten auf ihrem Bildschirm in der Polizeistation die beiden bei der Arbeit, begaben sich schnell zum Tatort und verdarben dem Diebespärchen den Spaß.
+ + + Überwachungskammeras können auch Sinn machen. Datenschutz hin oder her. + + +

Giarmata ist asphaltiert
aus RenaștereaBănățeană.ro, Timișoara / Temeswar; 29.12.2016
Claudiu Mihălceanu
Fotoquelle: RenaștereaBănățeană.ro
95 Prozent der Straßen in Giarmata sind jetzt asphaltiert”, freut sich Vizebürgermeister Claudiu Mihălceanu. In der Gemeinde und dem verwaltungsmäßig dazugehörenden Dorf Cerneteaz wurden heuer „über 25 km“ asphaltiert.
+ + + In diesem Sinne kann man den Verantwortlichen im Rathaus für 2017 nur wünschen: Bleibt gesund und macht weiter so! + + +

Nationalfeiertag in Giarmata
aus FOAIA de GIARMATA, Timişoara / Temeswar; Dezember 2016
„Der Dezembermonat kommt für die Rumänen, um ihnen mit Hingabe das Nichtvergessen in Herz und Verstand zu setzen. Das Nichtvergessen des Volkes, der Heimat und der Helden. Die Gemeinde Giarmata hat aus ganzer Seele den Nationalfeiertag Rumäniens gefeiert, was nur dank der Liebe, die wir für die Ahnenscholle und die rumänischen Brüder hegen, möglich war und ist.“  Mit diesem Satz beginnt die Journalistin Ionela-Flavia Fanu ihren Bericht zur Feier des Nationalfeiertages der Rumänen am 1. Dezember. Dieser pathetische Nationalpatriotismus durchzieht auch die Ansprache des Bürgermeisters Virgil Bunescu im Kulturheim. Für ihn ist Rumänien sogar „der Garten der Gottesmutter“. Die geschichtliche Bedeutung der Vereinigung der rumänischen Fürstentümer mit Siebenbürgen, der Bukowina, dem Banat und Bessarabien vor 100 Jahren hob Professor Octavian Luchin hervor und ging auch auf einen regionalen Aspekt der damaligen Ereignisse ein: „Zur Versammlung von Alba Iulia kamen 1228 Abgeordnete und über 100.000 Menschen aus allen rumänischen Dörfern des Ardeals und des Banats. An dem Großereignis haben auch Bewohner des Dorfes Cerneteaz teilgenommen: der Vorsitzende des lokalen Nationalrates, Chenta Popovici, und Lehrer Iosif Chișu als gewählter Delegierte der Dorfbewohner. Großrumänien wurde Realität.“ Das Kulturprogramm wurde von den Schülern der Allgemeinschule gestaltet. Einstudiert wurde ihre Darbietung von Frau Professor (die männliche Bezeichnung für von Frauen begleiteten und getragenen Berufen und Titeln ist ein Spezifikum der rumänischen postkommunistischen Sprachreform – früher durfte eine Frau auch schon mal eine Professorin sein) Tomiță Valentina, die es jedes Jahr als Erziehungsrat versteht „ihren  Schülern eine Dosis Patriotismus einzuflößen“. Die Mädchen Daiana Paul, Raluca Lascu und David Nica Vanesa haben mit ihren patriotischen Gedichten das Auditorium beeindruckt. Der Kulturverein Pro Datina (Pro Brauchtum), geleitet von Maria Petchescu, das Volksmusikorchester dieses Vereins unter der Leitung von Adrian Scorobete und die weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannte Tanzgruppe Sânziene Bănățene, geführt von Veronica Kretten, konnten ebenso gefallen wie das ukrainische Duo Nicolae & Nicoleta Hrin (Vater & Tochter). Auch Vizebürgermeister Claudiu Mihălceanu hat Grußworte an die anwesenden Giarmataer (selbst nennen sie sich „germățeni“) gerichtet.
+ + + Wer in Deutschland mit so viel Patriotismus aufwartet, gerät schnell in die rechte Ecke. In Rumänien scheint dieses vom Nationalkommunismus auf die Spitze getriebene Erbe hoch in Ehren zu stehen, auch wenn der Präsident des Landes ein Siebenbürger Sachse und Protestant ist und die Beinahe-Regierungschefin eine mit einem Syrer verheiratete Turko-Tatarin und Muslimin. + + +


Allen Besuchern meiner Blogs wünsche ich für 2017 Gesundheit und persönliches Wohlergehen!
Anton Potche

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Frohe Weihnachten – Crăciun fericit - 2016

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Fotoquelle: St. Canisius-Kirche, Ingolstadt
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Mich wundert immer, dass wir noch dieselben Gesichter haben wie die vor dreitausend Jahren, obwohl soviel Hass und Leid durch sie gezogen sind.
Günther Weisenborn (1902 – 1969)
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Ich wünsche allen Menschen, die es bis hierher geschafft haben, ein friedliches Weihnachtsfest und weiterhin einen Lebensweg, der sie zufriedenstellt.
Anton Potche
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Doresc tuturor care au reușit să ajungă până aici un crăciun pașnic și în continuare un drum de viață care le satisface așteptările.
Anton Delagiarmata
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Ich winsch alle Leit, die wu’s bis doher gschafft hun, e friedliches Weihnachtsfest un weiderhin e Wech dorch's Lewe, der wu se zufriede macht.
                                                                               Berns Toni
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Montag, 19. Dezember 2016

Aus Giarmata / Jahrmarkt stammendes Opfer der antikommunistischen Revolution

Im Jahre 1989 war in Rumänien die Weihnachtszeit Revolutionszeit. Mit vielen Toten im ganzen Land. Und danach mit vielen Dossiers bei den Gerichten. Über die Art und das Resultat ihrer Aufarbeitung wird bis heute gestritten. Der Temeswarer Ingenieur  Marius Mioc (*1968) stand in Temeswar auf den Barrikaden. Er gehörte zu den Demonstranten, die am 16. Dezember 1989 vor dem Haus des Priesters László Tökés den Funken an die Lunte der antikommunistischen Revolution in Temeswar und einige Tage später in ganz Rumänien gelegt hatten. Noch am gleichen Tag wurde er verhaftet und eine Woche später, nach dem Sturz Ceaușescus, wieder freigelassen. Die Ereignisse von damals und besonders ihre umstrittene Aufarbeitung haben ihn bis heute nicht losgelassen. Ein beredtes Zeugnis dafür sind seine 13 verfassten Bücher und seine Mitarbeit an weiteren fünf Anthologien zum Thema der antikommunistischen Revolution in Rumänien. Sehr bemerkenswert ist sein Blog, wo er sich detailliert mit den Gerichtsakten der Revolution befasst.

Im Dossier 97/P/1990 hat Staatsanwalt Dan Voinea Reste von Akten gesammelt, die nach Meinung Miocs von einer gewissen „Oberflächlichkeit, mit der das Kapitel Timișoara“ behandelt wurde, zeugen. Wie auch immer, sie enthalten auch den Hinweis auf ein aus Giarmata / Jahrmarkt stammendes Todesopfer der Revolution. Nachdem Ceaușescu am 17. Dezember 1989 hochrangige Militärs aus den Innen- und dem Verteidigungsministerien zur Beruhigung der Lage nach Timișoara / Temeswar geschickt hatte, eskalierte die Situation in der Begastadt. Um 19:00 wurde der Befehl Radu cel Frumos Radu der Schöne ausgegeben und Kriegsmunition an die Militärs verteilt. Das Resultat war verheerend. Zwischen der Decebal-Brücke und dem Trajansplatz (Piața Traian) krachten die ersten Gewehrsalven und es gab 34 tote und verletzte Demonstranten.

Revolution in Temeswar
Fotoquelle: OpiniaTimișoarei.ro
Auch auf anderen Plätzen und an wichtigen Gebäuden wurde das Feuer auf die Demonstranten (unter ihnen laut Dossier auch viele Vandalen) eröffnet. In der ganzen Stadt stieg die Zahl der Verletzten und Toten. An der Oper waren an diesem Abend 14 Opfer, zu beklagen. Unter ihnen war auch Opre Gogu aus Giarmata. Im  forensischen Bericht Nr. 1003/31/89 wird die Todesursache mit Kopfschuss (plagă împușcată cranio-cerebrală) angegeben.

Ob das zuletzt in Giarmata / Jahrmarkt wohnende (ultimul domiciliu în com Giarmata, jud. Timiș) Opfer der rumänischen Revolution auf einem der zwei Gemeindefriedhöfe seine letzte Ruhestätte gefunden hat, wird auf dem Blog nicht vermerkt.
Anton Potche

Montag, 12. Dezember 2016

Vun Lothringen uf Ingolstadt

Gedicht im Johrmarker Dialekt

Maria Theresia hot Baure gebreicht,
Werbekommissare sin ausgschwärmt ins Reich:
„Im fernen Südosten,
Da liegen die Felder verlassen und brach
Und warten auf eure Saaten.
Hei-die-del-dum-dei, hei-die-del-dum-dei,
Und warten auf eure Saaten.“
  
Mei lothringer Urahn hot’s Bindel gepackt,
Is mit Fraa un Kinner uf Ulm nunner gfahr.
Die Donau stromabwärts
Sin mit Ulmer Schachtle sie tächlang noh gfahr
Ins fremde ungrisch Banat.
Hei-die-del-dum-dei, hei-die-del-dum-dei,
Ins fremde ungrisch Banat.

Vor hunnerte Johr war des Ostpolitik,
Was Maria un Josef in Wien dort getrieb.
Was nimand erfahr hot,
War’s Leide un Sterwe vun Bauersleit,
E stumm gebliebner Hoomwehschrei.
Hei-die-del-dum-dei, hei-die-del-dum-dei,
E stumm gebliebner Hoomwehschrei.

Vor paar Johr war des noch die Westpolitik,
Was e fruckter Diktator mit uns dort getrieb.
De Mensch war e Ware
Un nemmol de Herrgott hatt Platz in der Kerch.
Wer hätt sich do net gfärcht?
Hei-die-del-dum-dei, hei-die-del-dum-dei,
Wer hätt sich do net gfärcht?

Die Sehnsucht hot Generatione erhall:
Es geht irgendwann zrick ins Lothringerland!
Mei Herz hot des aah gspeert;
Ich hun frohgemut noo mei Kuppre gepackt
Un: Lebe wohl Banat!
Hei-die-del-dum-dei, hei-die-del-dum-dei,
Un: Lebe wohl Banat!

Stromaufwärts hun ich no e Kaste mol gsiehn,
Schänner un klenner wie Schönbrunn in Wien.
In Ingolstadt hun ich
Seit selmols mei Lager forr immer ufgschlaa
Un’s tot mer heit net laad.
Hei-die-del-dum-dei, hei-die-del-dum-dei,
Un’s tot mer heit net laad.


Uf der Schanz, 1994
Berns Toni

Worterklärungen:
- gebreicht = benötigt
- Ulmer Schachtel = Donaukähne, auf denen Siedler aus dem heutigen südwestdeutschen Raum nach Südosteuropa fuhren
- ungrisch = ungarische
- fruckter = verrückter
- nemmol = nicht einmal
- gfärcht = gefürchtet
- schenner un klenner = schöner und kleiner
- selmols = damals


Mittwoch, 7. Dezember 2016

Die Rumänen werden an die Wahlurnen gerufen

Abgeordnetenkammer
Fotoquelle: mondonews.ro
Am 11.11. um 11:11 beginnt in Deutschland die närrische Zeit. Das galt heuer auch für Rumänien. Am 11. November begann nämlich der Wahlkampf für die Parlamentswahl am 11. Dezember 2016. Wie närrisch diese Zeit für die Rumänen werden könnte, deutete sich schon am gleichen Tag an. Der ehemalige Premier und jetzige Abgeordnete von Gorj, Victor Ponta (PSD),  belehrte auf seiner Facebook-Seite Präsident Klaus Johannis, dass man auf dem Tisch des Schweigens in Târgu Jiu, der berühmten Skulptur von Constantin Brâncuși, keine „sächsische Salami verspeise“. Der Präsident hatte es zwei Wochen vorher tatsächlich gewagt, sich auf einen der Steinstühle des Gesamtkunstensembles zu setzen, obwohl es klare Hinweise gibt, die Werke nicht zu berühren. „Ich bin überzeugt, dass Sie uns mehr respektieren, wenn Sie mehr über Rumänien lernen“, fügte der geschasste Premier noch hinzu. 

Traian Băsescu
Fotoquelle: jurnalistii.ro
Nur einen Tag später schickte der Vorgänger Klaus Johannis’ im Amt des Staatspräsidenten und jetzige Chef der Volksbewegungspartei (PMP), Traian Băsescu, eine markige Botschaft in den Präsidentenpalais. Darin gab er Johannis zu bedenken, dass er nach der Wahl nur die Möglichkeit haben werde, zwischen „dem besten Premier“ und „einem Affen“ den zukünftigen Regierungschef zu bestimmen. Dass Traian Băsescu sich schon immer für den Besten hielt und auch weiterhin hält, mag menschlich sein, aber den jetzigen Premier Dacian Cioloș ungeniert als Affen zu apostrophieren, dürfte Außenstehende doch stark an Donald Trump erinnert haben.

Man findet im rumänischen Wahlkampfgesetz viele Einschränkungen, an die Politiker sich im Wahlkampf halten sollen. Wahlgeschenke in Form von Kugelschreiber, Plastikeimer, diverse Veranstaltungen, Feiern oder Feuerwerke sind verboten. Die Wahlplakate dürfen nur eine bestimmte Größe haben und an vorgegebenen Plätzen aufgestellt oder angebracht werden. Selbst das Budget, das ein Kandidat benutzen darf, ist reglementiert. Man ist auch wieder zur Listenwahl zurückgekehrt, um die Zahl der 466 angestrebten Abgeordneten und Senatoren nicht unverhältnismäßig zu überschreiten. Die letzte Personenwahl (2012) hatte Abgeordnetenkammer und Senat auf 585 Sitze aufgebläht. Jetzt will man sich nach dem Verhältnis „ein Abgeordneter auf 75.000 und ein Senator auf 168.000 Bürger“ halten. Weil es aber auch parteiunabhängige Kandidaten gibt, könnten es doch einige mehr als 466 Sitze werden. 6500 Kandidaten sind im Rennen. Inwieweit das Wahlgesetz den Damen und Herren Zügel anlegen kann, mag umstritten bleiben. Dass schon an den ersten Tagen der Staatspräsident harsch angegangen wurde, liegt an seiner verfassungsmäßigen Macht. Schließlich kann er den designierten Regierungschef nach der Wahl ablehnen oder im Amt bestätigen. Und das Johannis den Technokraten Cioloș weiterhin gerne als Regierungschef sehen würde, war eigentlich noch nie ein Geheimnis. 

Dacian Cioloș
Fotoquelle: inpolitics.ro
Um diesen parteilosen Politiker Dacian Cioloș, von 2010 bis 2014 Europakommissar für Landwirtschaft und seit dem 17. November 2015 rumänischer Premier, tobt eine wahre Schlammschlacht. Die Parteien haben sich für oder gegen ihn positioniert. Besonders die Nationalliberalen (PNL), die auch Johannis den Weg ins Präsidentenamt geebnet haben, sprechen sich klar für den Politiker mit viel Europaerfahrung aus.

Ein anderes Thema, das die rumänische Gesellschaft seit jeher prägt, ist die Korruption. Davon sind natürlich nicht einmal die Wahlen selbst verschont. Am 16. November meldeten die rumänischen Medien, dass die Vorsitzende der Permanenten Wahlautorität (AEP) – so etwas wie ein immer existierender Wahlausschuss -, Ana Maria Pătru, wegen Korruption verhaftet wurde. Es geht um die stolze Summe von 275.000 Euro, die sie während ihrer Tätigkeit als Vizevorsitzende dieses Staatsorgans durch illegale Machenschaften, die Rede ist von rechtswidriger Einflussnahme und Geldwäsche, in den Jahren 2008 bis 2011 eingeheimst haben soll.

Was sich nach den ersten Tagen als Wahlschlacht andeutete, verlor aber schnell an Dynamik und schon nach einer Woche schrieb Dan Tăpălagă vom „Tode der Leidenschaft“. Das Übereinanderherfallen der vergangenen Wahlkämpfe mit zum Teil abstrusen Sendungen auf parteiischen Privatsendern und Wahlkampfveranstaltungen mit Volksfestcharakter, also mit Würstchen und viel Bier, schien den Rumänen schon gewaltig zu fehlen. Der Wahlkampfchronist von HotNews.ro meinte nach der ersten Woche: „Wenn wir nicht Zeuge eines außergewöhnlichen Ereignisses werden, des Erscheinens eines sogenannten >Schwarzen Schwans<, der Schwung in die Kampagne bringen soll, wird der Tod der Leidenschaft die PSD (Sozialdemokratische Partei), ALDE (Allianz der Liberalen und Demokraten) und UDMR (Union Ungarn in Rumänien) bevorteilen. Eine schwache Wahlbeteiligung senkt dramatisch die Chancen der PNL und USR (Union Rettet Rumänien), eine zukünftige Mehrheit im Parlament zu erreichen. […] Wenn sie noch drei Wochen so weitermachen, schlafen wir alle ein.“

Liviu Dragnea
Fotoquelle: machiavelli.ro
Keine Sorge, soweit sollte es nicht kommen. Wie sagte doch Trump im Wahlkampf? „Sperrt sie ein!“ Und er meinte seine Rivalen Hillary Clinton. Für einen rumänischen Wahlkämpfer wie Liviu Dragnea, PSD-Vorsitzender, ist das ziemlich magere Kost für das sensationslustige Wahlvolk. Er will laut ROMÂNIA LIBERĂ vom 21. November bei einem Wahlsieg der Sozialdemokraten Präsident Johannis, Premier Cioloș, den Kulturminister, den Gesundheitsminister, den Landwirtschaftsminister und den Minister für Europäische Fonds vor den Kadi zerren. Na also, da ist doch Musik drin.

Immerhin scheint der Sozialdemokrat mit seiner lockeren Zunge gut bei seinen Landsleuten anzukommen. Bei einer von EVENIMENTUL ZILEI am 23. November veröffentlichten Umfrage lagen die Sozialdemokraten mit 40% einsam an der Spitze. Es folgen die Retter Rumäniens (USR) mit 19% und die Nationalliberalen mit 18%.

Wahlkampf macht man längst nicht mehr nur im eigenen Land. Die Zeitung GÂNDUL berichtete am 27. November von einem Besuch Traian Băsescus in der Republik Moldau. Dabei konnte der ehemalige Präsident Rumäniens es nicht lassen, dem neu gewählten Präsidenten des Nachbarlandes, Igor Dodon, die richtige Richtung für sein Land vorzugeben: „spre vest“, also „gen Westen“. Der reagierte ziemlich verschnupft und meinte: „Ich brauch weder seine Ratschläge noch seine Erfahrungen als erfolgloser Unionist.“ Ob Băsescu so den sich anbahnenden Zweikampf Dragnea - Cioloș (obwohl Letzterer gar nicht kandidiert, aber von den Nationalliberalen auch weiterhin als Premier gerne gesehen würde) noch stören kann, darf bezweifelt werden. 

Klaus Johannis
Fotoquelle: cancan.ro
Der Traum eines „Großrumänien“ kommt in der Republik Moldau besonders in einigen Strukturen der Macht nicht unbedingt gut an. Das ist eigentlich nicht neu. Daher mag es schon ein wenig verwundern, dass Klaus Johannis, der rumänische Präsident, in seiner Ansprache vor geladenen Gästen zum Nationalfeiertag Rumäniens, 1. Dezember, eben auch von „Großrumänien“ sprach: „Wir feiern heute gemeinsam den Nationalfeiertag Rumäniens mit Anerkennung für die Weitsicht und Opferbereitschaft unserer Vorfahren, die Großrumänien ermöglicht haben, aber auch mit Zuversicht und Hoffnung in die Zukunft, die wir selber, als Nation, im Wertekontext von Demokratie und Freiheit aufbauen wollen.“ Dass damals vor 98 Jahren nicht nur Siebenbürgen und das Banat, sondern auch die Bukowina und Bessarabien zusammen mit den seit 1859 zu Rumänien vereinten Fürstentümern Moldau und Walachei (die Rumänen sprechen diesbezüglich von der Kleinen Vereinigung) das kurzlebige Staatsgebilde „România Mare – Großrumänien“  möglich machten, birgt auch heute noch politischen Sprengstoff, unter den in Wahlzeiten immer wieder mal die ein oder andere Lunte gelegt wird. Welchen politischen Wert die Große Vereinigung vom 1. Dezember 1918 für die Rumänen heute noch hat, zeigt die Wahl dieses Tages nach dem Sturz des Kommunismus zum Nationalfeiertag. Für Wahlkampfrhetorik war auch am diesjährigen 1. Dezember kein Platz. Da träumten viele Rumänen ihren großen Traum, auch heuer mit pompösen Militärparaden. Nationalstolz hat in diesen Regionen noch einen anderen Stellenwert als bei uns in Deutschland, auch wenn er sich aus Traumgebilden speist.

Wenn persönliche Angriffe und Scheindebatten über bereits Geschichte gewordene Ereignisse eine gewisse Rolle spielen, müssen sie aber noch lange nicht wahlentscheidend sein. Das können in Rumänien durchaus auch sachliche Themen sein, die den Alltag der Rumänen prägen. Zum Beispiel die Gesundheitspolitik. Da ist in den letzten Tagen Gesundheitsminister Vlad Voiculescu in die Kritik der Öffentlichkeit geraten, was den Scheinkandidaten der PNL und USR sowie amtierenden Premier Dacian Cioloș dazu veranlasste, sich zu einer spezifisch rumänischen Gesellschaftsproblematik zu äußern: „Das Couvert aus den Krankenhäusern, denke ich, kann eine Form von Korruption sein, weil es ein Entlohnungssystem der Ärzte reflektiert, das außer Kontrolle gerät. Ich hatte keine Gelegenheit, so etwas zu machen, aber, ja, mir nahestehende Menschen haben es getan. Was soll ich ihnen sagen? Das war die Praxis. Wenn du kurzfristig an die Gesundheit deines Angehörigen denkst, analysierst du in einer gewissen Weise, und wenn du die Situation aus dem Blickwinkel eines Verantwortlichen, der das System reformieren soll, betrachtest, analysierst du ganz anders. Das ist eindeutig keine mittelfristige Lösung.“ (aus HOTNEWS.ro; 04.12.2016). Aber eine Bankrotterklärung für das desaströse Gesundheitswesen Rumäniens und eine klare Angriffsfläche, für alle, die mit den Sozialdemokraten und anderen politischen Gegnern der Nationalliberalen sympathisieren, ist dieses Geständnis allemal. 

Die politische Lage ist eine Woche vor der Wahl schlicht und einfach verfahren. Während die Nationalliberalen und die Retter Rumäniens (USR) ihre Option für einen Premier außerhalb ihrer Reihen klar und deutlich bekundet haben, wissen die Sozialdemokraten noch immer nicht, wen sie sich als zukünftigen Premier wünschen. Das ist umso unverständlicher, als sie in den Umfragen vorne liegen, hat aber seine Erklärung in der rumänischen Verfassung. Dort ist nämlich verankert, dass der Staatspräsident nach Konsultationen mit den Parteien den Premier bestimmt. Und Klaus Johannis hat öffentlich klargemacht, dass er „auf keinen Fall einen strafrechtlich verfolgten oder verurteilten“ Politiker zum Regierungschef ernennen wird. PSD-Chef Liviu Dragnea hat aber diesbezüglich – wie so viele Politiker in diesem Land – keine reine Weste mehr und erfreut sich zurzeit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Es zirkulieren zwar auch andere PSD-Namen, aber so richtig scheint sich keiner aus der Deckung zu wagen. Geeignet für den kommenden Premier halten sich aber in aller Bescheidenheit Traian Băsescu (PMP) und Călin Popescu Tăriceanu, der ALDE-Vorsitzende. Dass auch ihre Westen nicht makelloser als die ihrer politischen Kontrahenten sind, gehört zur rumänischen Normalität. Tăriceanu gelüstete es in der letzten Wahlkampfwoche sogar nach Grundsatzfragen, die wohl die wenigsten Wähler interessieren werden. Er rief die Nationalliberalen zu einer Diskussion über die „authentischen Werte des Liberalismus“ auf. 

Alina Gorghiu
Fotoquelle: obiectiv.info
Die Vorsitzende der PNL, Alina Gorghiu, die das Amt des Regierungschefs gar nicht anstrebt, will hingegen lieber öffentlich über Regierungsprojekte nach der Wahl diskutieren, aber mit Liviu Dragnea. Doch der ziert sich, was die Chefin der Nationalliberalen auf die Palme bringt. „Ich denke, das ist ein Zeichen von Respektlosigkeit gegenüber all jenen, die sich mehr oder weniger im rumänischen Wahlkampf engagieren“, schimpfte sie bei einer Wahlveranstaltung in Timișoara / Temeswar.

Senat
Foto: Mediafax
Themen, die in westlichen EU-Staaten Wahlkämpfe prägen - wie etwa Flüchtlingskrise, Populismus oder Rechtsradikalismus -, spielten im rumänischen Wahlkampf bisher kaum eine Rolle, es sei denn, in der letzten Woche ändert sich noch etwas. Viele Kandidaten ziehen regionale Probleme vor. Im Kreis Timiș / Temesch etwa wirbt Univeritätsprofessor Radu Șumălan für eine bessere Infrastruktur. „Wir wollen im Parlament nicht nur eine Statistenrolle spielen, sondern die Interessen der Temescher im Parlament wirklich vertreten“, wird der Akademiker in einem auf der Homepage BANATULMEU.RO veröffentlichten Werbetext zitiert. Dabei denkt er an den Senat. In den will er nämlich einziehen. Die Legislative stützt sich in Rumänien auf zwei Kammern: Abgeordnetenkammer und Senat. Und beide werden am kommenden Sonntag neu besetzt. So gesehen, geht es doch auch gesittet im rumänischen Wahlkampf zu. Aber nicht überall und am wenigsten an der Spitze der Politikerpyramide.

Wie auch immer, die Hauptprotagonisten dieser Wahl bleiben zwei Politiker, die gar nicht zur Wahl stehen: Klaus Johannis und Dacian Cioloș. Über diese Konstellation würde sich der in Berlin ruhende Ion Luca Caragiale (1852 - 1912) diebisch freuen. Klar ist, dass die Rumänen auch nach Auszählung der Wahlzettel noch lange nicht wissen werden, wer sie in Zukunft regieren wird. Denn Johannis kann ganz schön stur sein und gesetzestreue Politiker sind in Rumänien schwer zu finden.
Anton Potche