Montag, 7. November 2016

ORIZONT - Kurze Blicke über den Horizont - I

Im Mai 1972 ist die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift ORIZONT in Temeswar, der Hauptstadt des Banats, erschienen. Sie wird vom rumänischen Schriftstellerverband herausgegeben und hat als inhaltlichen Schwerpunkt die Literatur der westlichen Region Rumäniens. Die Hefte seit Januar 2007 sind im Internet in PDF-Format einsehbar.

Wer die Ausgaben durchklickt, wird schnell bemerken, dass die Redakteure und ihre zahlreichen Zuarbeiter ihre Blicke weit über den ORIZONT (Horizont) schweifen lassen. Das gilt sowohl aus geografischer als auch aus geschichtlicher und zeitgenössischer Sicht. Es fällt natürlich sofort ins Auge, dass hier viele Kulturen und vor allem Literaturen Berücksichtigung finden. Wer die ethnische Zusammensetzung der banater Bevölkerung kennt, wird sich darob auch nicht wundern. Dass dieser einst als multinationaler Raum gepriesene Landstrich besonders in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gewaltig Schlagseite bekommen hat, ist bekannt. Temeswar ist längst Timișoara und die einst tonangebenden Ungarn, Serben und besonders die Deutschen sind ethnische Exoten in einer rumänischen Großstadt, die ab 2021 zu den Kulturhauptstädten Europas gehören wird. In ORIZONT ist das aber kaum zu spüren. Die literarischen und multiethnischen kulturellen Fäden sind zwar fein, oft zwischen den Reihen, aber sehr reisfest gesponnen.

Davon kann man sich schon in der Januar-Nummer des Jahres 2007 überzeugen. Rodica Binder, Mitarbeiterin der DEUTSCHE WELLE, widmet dem SPIEGEL einen Artikel anlässlich dessen 60. Geburtstag und stellt zum Schluss die Post-Scriptum-Frage: „Diese Jubiläumsreihen schreibend, fragte ich mich, wann oder überhaupt ob das Modell DER SPIEGEL in Rumänien Schule machen wird.“ Klar, man schaut auch heute nach Deutschland, oder tat es zumindest 2007 noch.

In der Betrachtung von Literatur und Philosophie, eigentlich die wichtigste Säule einer seriösen Literaturzeitschrift, sind Interferenzen zwischen den verschiedenen Kulturen unvermeidlich. Wenn zum Beispiel Corneliu Berari über die von seinem ehemaligen Professor Viorel Colțescu verfasste Geschichte der Philosophie (Istoria filozofiei) schreibt, kann er gar nicht anders, als auch über Kant zu schreiben, trägt der zweite Band des erwähnten Werkes doch den Untertitel Kant und der deutsche Idealismus (Kant și idealismul german). Der Autor dieser Rezension hat seinen Text auch unmissverständlich mit dem Titel versehen: „Der Deutsche“ Viorel Colțescu („Germanul“ Viorel Colțescu). So geht es lehrreich und oft auch unterhaltsam weiter durch die erste Nummer des Jahres 2007. In vier weiteren Beiträgen von Adrian Atanasescu (S. 11), Constantin Orzescu (S. 12), Daniel Vighi (S. 24) und Adriana Cârcu (S. 28) fand ich gesponnene Fäden zur deutschen Literatur. 
Petru Umanschi
Foto: jurnalul.ro

Die Seite 30 dieses Heftes war Petru Umanschi vorbehalten. Und der Musik. Petru Umanschi. Ja, ja unser Lehrer aus der Schule in Jahrmarkt / Giarmata. Und was hat er uns deutsche Kinder unterrichtet? Zeichnen. Ich habe ihn als einen hoch aufgeschossenen, freundlichen, zu Späßen neigenden jungen Mann in Erinnerung. Dass er mehr mit Musik als mit Zeichnen zu tun hatte, ahnte im damaligen Blasmusikdorf Jahrmarkt kaum jemand. Seine seit 2007 einsehbaren Musikessays haben auch nichts mit Blasmusik zu tun. Umanschi war ein wahrer Wegbereiter der Pop- und Rockmusik im Banat. Seine Verdienste als Musikwissenschaftler und –kritiker, Gestalter von Radio- und Fernsehsendungen sowie als Journalist sind unbestritten. Er war der Erste, der 1963 einen Artikel über die legendäre Temeswarer Gruppe Phoenix veröffentlichte. 1977 begann er seine Tätigkeit bei der Literaturzeitschrift ORIZONT. Er schrieb in einem sehr kursiven, für jedermann verständlichen Stil über Pop, Rock, Beat und andere moderne kurz- oder langlebige Musikgenres. Als Gründer und Schlagzeuger der Temeswarer Band Uranus (von 1961 bis 1965 mit Florin „Moni“ Bordeianu, Harry Coradini und Sergiu Ţapuchievici) war Petea, wie seine Freunde ihn nannten, nicht nur Theoretiker und Kritiker, sondern auch ein Kenner der Praxis, der Szene hinter den Kulissen. Man spürt das in seinen unzähligen Musikessays. Umanschi war immer bestrebt, auch die Menschen hinter der Musik und außerhalb der Bühne zu sehen und darüber zu schreiben. Das macht die Lektüre seiner Texte so kurzweilig. Schon in der ersten Nummer, die ich durchsehen konnte (Januar 2007) beginnt sein Artikel wie ein persönliches Bekenntnis, eine Art professionelles Ethos eines Musikkritikers: „Nur wenige Tage vor Neujahr hat >Gottvater des Souls< sich entschieden, diese sündhafte Welt zu verlassen, obwohl – wie jeder es weiß – er sie mit allen Poren liebte. Natürlich, über Tote nur Gutes, aber James Brown zu idealisieren, heißt unverschämt zu lügen, ja sogar deine Leser nicht zu respektieren, was ich mir nicht erlaube. Also, meine Lieben, lernen wir in erster Reihe den Menschen hinter der Legende kennen.“ Das klingt nach Schonungslosigkeit, ist aber journalistischem Ethos geschuldet. 

In der ORIZONT vom 27. September 2011 veröffentlichte Umanschi einen kurzen Text, man könnte ihn als Brief bezeichnen, mit dem Titel Kopi Luwak Coffee: „Wenn Sie gewohnt sind, meine Rubrik bei einem Kaffee zu lesen, würde ich Ihnen raten, sich nicht für den im Titel dieses Textes zu entscheiden, auch wenn Sie auf Sumatra (Indonesien) sind, wo er herkommt. Um Sie zu überzeugen, will ich Ihnen sagen, dass Ihr Blutdruck schon bei der Erwähnung seines Preises steigen könnte: 1000 Dollar für 100 Gramm. Wir kennen den Grund für diesen Preis nicht, haben aber erfahren, dass die Produktion dieses Kaffees auf 15 kg pro Jahr beschränkt und fast nur für den Export bestimmt ist.“ Es folgt eine lose Auflistung von Septemberereignissen aus der Welt der Pop- Rock- und Beatmusik: „[…] Im September 1956 haben mehr als 50 Millionen Amerikaner Elvis Presley in der Fernsehsendung Ed Sullivan Show gesehen. Der Reaggae-Gittarist Peter Tosh aus Jamaika wurde am11. September 1987 im Alter von 43 Jahren ermordet. Er war Mitbegründer und Leiter der Gruppe The Wailers.“ Der Zusammenhang zwischen Einleitung und Inhalt dieses Artikels erschließt sich einem auch heute nur mit viel Fantasie.

Und fragen kann man Petea Umanschi auch nicht mehr. Es war sein letzter Artikel. Am 29. März 2012 ist Petru Umanschi verstorben. Viele Medien im Westen Rumäniens haben seine bahnbrechenden Aktivitäten für die Etablierung der zeitgenössischen Musik in Temeswar und darüber hinaus gewürdigt. Der am 26. Mai 1940 in Comrat, Kreis Tighina, Bessarabien, geborene Petru Umanschi wurde 71 Jahre alt. Von seinen musikalischen Tätigkeiten hatte ich nicht die blasseste Ahnung. Währe nicht eines Tages die Literaturzeitschrift ORIZONT auf meinem Bildschirm aufgetaucht, wüsste ich - wie wahrscheinlich viele seiner einstigen deutschen Schüler aus Giarmata - auch heute noch nichts davon. Und Umanschi würde für uns noch immer leben. Einen so schönen Traum hat er sich bestimmt verdient.

Anton Potche

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