Montag, 24. Oktober 2016

Generationengespräche

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt – Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf; Ullstein Taschenbuch, Berlin, 2015; ISBN 978-3-548-37569-4; 281 Seiten; 9,99 EUR

1976 schrieb Christa Wolf über Max Frischs Schreiben in Ich-Form: „Doch sind fast alle Prosaarbeiten romanhaften Charakters Ich-Geschichten. Im Tagebuch wird das Ich ein seltenes Wort.“ Im Gespräch kann das durchaus anders sein, besonders im generationenübergreifenden Fragen und Antworten. Das gilt auch für Christa und Gerhard Wolf, das Schriftstellerehepaar aus der DDR. Nachprüfen kann man das im Buch Sei dennoch unverzagt – Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Geführt und niedergeschrieben hat diese Gespräche Jana Simon, Journalistin – von 1998 bis 2004 beim TAGESSPIEGEL und jetzt bei der ZEIT – und Enkelin des Ehepaares Wolf.

Die hier gesammelten Gespräche wurden nicht am Stück geführt, sondern während sechs Besuchen der Enkelin bei Oma und Opa an zwei verschiedenen Orten und innerhalb von 14 Jahren, immerhin eine Zeitspanne, in der sowohl Großeltern als auch Enkelin sich anhand neuer Lebenserfahrungen weiterentwickelt haben. Was alle Gespräche kennzeichnet, ist das von ihnen ausgehende Gefühl der Aufrichtigkeit. Und das hat wohl etwas mit dem präsenten „Ich“ sowohl der Christa als auch des Gerhard Wolf zu tun. Beide scheuen sich nicht, es zu benutzen. Sein Einsatz wird aber nicht zu Rechtfertigungen oder gar Protzereien mit der eigenen schriftstellerischen Leistung missbraucht.

Das erste mit einem Kassettenrecorder festgehaltene Gespräch fand am 22. August 1998 in der Wohnung der Wolfs in Berlin-Pankow statt. Man spürt sofort, dass hier zwischen den Gesprächspartnern ein zutrauliches, vielleicht sogar inniges Verhältnis herrschte. Die Familienverhältnisse beider Wolf-Eheleute vor ihrer Ehe kommen auf den Tisch, sprich, der Krieg mit all seinen Verirrungen und Verwirrungen, die sich für immer den Betroffenen eingeprägt haben. Wie etwa bei Christa Wolf: „Mein Vater war ein Schrumpelgreis von 85 Pfund. Er aß alles, was die Bäuerin ihm gab, jeden Rest. Ich habe das verstanden. Andererseits fand ich es schrecklich, wie mein Vater jeden kleinen Bissen hinunterschlang. Meiner Mutter ging es, glaube ich, ähnlich.“ Kriegs-, Vertreibungs- und Heimkehrerschicksal in einem Verhaltensmuster. Ums Verhalten ging es auch, als man auf das Leben in der DDR zu sprechen kam, wie zerrissen dieses Land und mit ihm seine Intellektuellenkreise waren. Gerhard Wolf sagt es so einfach und darum so nachvollziehbar: „Und mit den meisten, die aus der DDR weggegangen sind, ist es abrupt böse geworden. Da ist gar nichts geblieben.“ Verdächtigungen, Anschuldigungen, Misstrauen.

Und es wird auch im zweiten Gespräch nicht unbedingt schöner. Es wurde am 31. Juli 1999 im Ferienhaus der Wolfs im mecklenburgischen Woserin geführt und belegt, dass es schon in den jungen Jahren des sozialistischen deutschen Staates nicht an Verirrungen fehlte. Christa Wolf: „Stalin war im März 1953 gestorben. Da habe ich noch getrauert. Ich dachte, das sei ein großer Verlust für das Weltfriedenslager.“ 24 Jahre alt war sie damals mit dieser Einstellung. Etwas gedämpfter kommt Gerhard Wolfs Begeisterung für Stalin und seine geistigen Ergüsse daher. Als nämlich dessen Arbeit Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft erschien, tat Gerhard das als „einen ziemlichen Blödsinn“ ab. Und auch Christa fand das „einfach nicht so dolle“. So begann das Mit- und Nachdenken langsam Früchte zu tragen, Früchte, die aber nie zu einer totalen Dissidentschaft oder gar einem Verlust von Heimatgefühl führten. Bei aller kritischen Distanz zu diesem System – schließlich und endlich habe ich ja in einem ähnlichen gelebt – kann man ihnen das wohl kaum übelnehmen.

Woserin, 22. März 2008. Es sind knappe neun Jahre ins Land gegangen. Die Großeltern sind fast 80 Jahre alt und die Enkelin steht im schönen Schaffensalter von 35 Jahren. Das Verhältnis zwischen den drei Protagonisten klingt nach wie vor vertraut. Die Gespräche bleiben unverkrampft und vor allem zeitunabhängig. Es geht mal vor und dann wieder zurück, aus der Familie in die Politik und deren Wahrnehmung: „Und drüben, im Westen, sahen wir die Vertriebenenverbände, damit konnten wir uns überhaupt nicht identifizieren“, meint Christa Wolf. Hüben und drüben. Das blieb in den Köpfen der Erlebnisgeneration und wird es bleiben. Für die Nachkommen hingegen wird daraus Geschichte. Gehen oder Bleiben. Für die Wolfs ein existenzielles Problem. Christa bringt das so auf den Punkt: „Denn was sollte ich drüben schreiben? Sollte ich vom Westen aus die Konflikte der DDR behandeln? Nein!“

Drei Tage später, am 25. März 2008, war Ostern. Die Gespräche wurden fortgesetzt. In der gleichen Art und Weise. Natürlich gehörte das Ende der DDR auch für die Wolfs zu den aufregendsten Zeiten ihres an Ereignissen nie armen Lebens. Gerüchte und Verschwörungstheorien sind immer Begleiterscheinungen großer sozialer und politischer Umwälzungen. Christa Wolf erzählte ihrer Enkelin: „In jener Zeit riefen andauernd Menschen bei uns an. Einmal hatte ich einen Mann am Telefon, der meinte, er sei ein Nachbar von uns aus der Pankower Crusemarkstraße. Seine Frau arbeite in einer Botschaft und habe erfahren, dass in Schönefeld ein Flugzeug stehe, das gerade mit Akten beladen werde, die nach Rumänien ausgeflogen werden sollten.“ Natürlich war nichts an der Geschichte dran. Aber Christa und Gerhard Wolf waren nun mal Personen der Zeitgeschichte und gesuchte Adressaten für solche Geschichten. Der Anrufer traute ihnen Beziehungen zum Chef des Auslandsnachrichtendienstes der Stasi, Markus Wolf, zu – die es auch gab – und hoffte wahrscheinlich, so die (eingebildete) Aktion unterbinden zu können. 

Am 18. Mai 2008 unterhielt sich Jana Simon mit Oma und Opa Wolf in deren Wohnung in Berlin-Pankow. Ein Gespräch mit stark familiärer Prägung. Aber ohne Ausflüge in das weitreichende Gesellschaftsleben ging es natürlich nicht, denn das Ehepaar Wolf blieb auch nach der Wende im Literaturbetrieb aktiv. Und etwas vom Medienzeitalter bekamen sie auch noch mit. Wenn auch nur als Fragesteller: „Gibt es dazu eigentlich eine Anleitung, wie man was macht“, fragte Gerhard Wolf seine Enkelin beim Anblick eines Handys.

Nach mehr als vier Jahren, am 18. Juli 2012, gab es in Woserin das letzte der in diesem Buch aufgenommenen Gespräche. Doch nur zwischen Opa und Enkelin. Oma Christa Wolf war am 1. Dezember 2011 gestorben. Opa und Enkelin reden über Oma. Eine bestimmt gute Trauertherapie. Vor allem auch dann, wenn sie nicht in Larmoyanz versandet. Die zwei unterhielten sich wie über einen Menschen, der durch sein literarisches Werk auch weiter in der Gegenwart verankert ist und es wohl noch eine Weile auch in Zukunft bleiben wird.

Opa Gerhard hingegen bleibt mit seinen Erinnerungen und den damit verbundenen Fragen über Richtig und Falsch in einer Zeit voller Gegensätze. Eine Zeit, in der die Wolfs, besonders Christa, Menschen und Künstler waren, zu denen viele von Selbstzweifel geplagte Zeitgenossen aufblickten. Ob sie sich in jenen Jahren, ja ihr ganzes Leben über in der DDR, immer richtig verhalten haben, wird Opa Gerhard sich in den ihm noch gegönnten Tagen bestimmt öfter fragen. Das hört man aus dem Gespräch mit seiner Enkelin immer wieder heraus. Besonders wenn er von seiner Frau erzählt: „Als sie 1987 den DDR-Nationalpreis verliehen bekam, fragten wir uns, was wir machen sollten. Eigentlich hätten wir den Preis nicht annehmen wollen. Wir sind nicht zum Empfang gegangen und haben das Geld an Leute verteilt, die es brauchten.“

Wer diese Gespräche liest, wird die (leider viel zu oft verhängnisvollen) Auswirkungen von Nationalsozialismus, Kommunismus und Kapitalismus wahrnehmen. Und er wird bei einigermaßen bewahrter Objektivität dankbar sein, in der dritten Ismus-Stufe (oder sogar nur in ihr) leben zu dürfen.

Anton Potche

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