Freitag, 30. September 2011

September 2011 - Giarmata in den Medien

ZIUA DE VEST, Timişoara/Temeswar, 1. September 2011
Die Stromlieferfirma Enel kündigt eine Stromunterbrechung in Giarmata für den folgenden Tag an – von 9 bis 17 Uhr.
+ + + Das ist ziemlich drastisch, kommt die gleiche Meldung doch achtmal im Laufe des Septembers vor. + + +

ZIUA DE VEST, Timişoara/Temeswar, 6. September 2011
Rugă, also Kirchweihfest, in Jahrmarkt. Das Fest findet laut Zeitung am 8. September statt und das angekündigte Programm kann sich wirklich sehen lassen. Die deutsche Vergangenheit des Dorfes scheint an diesem Tag ins Bewusstsein der Giarmataer zurückzukehren, zumindest bei den Organisatoren. Das professionelle Musik- und Tanzensemble Banatul wird auch mit deutschen Tänzen angekündigt. Auch die Blaskapelle Pro Amiciţia wird angekündigt.
+ + + Do schau her. Die Spitziche un Stumpiche sin schun lang Geschichte un in Johrmark werd noch immer Blechmusik gemach; wann aah norr an der Ruga. + + +

RENAŞTEREA BĂNĂŢEANĂ, Timişoara/Temeswar, 22. September 2011
Laut rumänischer Gesetzgebung sollten die Protokolle wichtiger Rathausentscheidungen der Gemeinden in einem Zeitraum von 5 bis 10 Tagen beim Kreispräfekten eingereicht werden. Im Kreis Temeş /Temesch dauert es oft sogar 45 Tage bis die Unterlagen in Temeswar ankommen. Jetzt hat Präfekt Mircea Băcală 30 Rathaussekretäre in sein Büro bestellt, um die Hintergründe dieser Langsamkeit zu ergründen. Von den fünf am ersten Tag vorgeladenen Beamten kam ... einer, und zwar der aus Giarmata / Jahrmarkt.
+ + + Na endlich mol was Gutes aus’m Johrmarkter Gemeindehaus. Der Mann hooßt Ioan Văleanu. + + +


PROSPORT.RO, România/Rumänien, 23. September 2011
Fußball - 3. Liga -  Serie V: Millenium Giarmata - Vladimirescu 2003 0:2
Tore: Moţ (63), Ciubăncan (77 -pen.)
+ + + Trotzdem belegen die Giarmataer den zweiten Platz in der Tabelle. + + +

ZIUA DE VEST, Timişoara/Temeswar, 27. September 2011
Seit Poli in der zweiten Liga spielt ist das alte Banater Derby wieder aktuell. In einem Vorbereitungsspiel für dieses wichtige Spiel schlug Poli die Giarmataer von Millenium
mit 2:0. Das Spiel fand im Temeswarer Dan-Păltănişanu-Stadion beim Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
+ + + Gegen UTA könnte es schwieriger werden. + + +


Donnerstag, 29. September 2011

So schnell kann's gehen

Wie lange ist das jetzt her, dass die Bochumer ihre Arbeitsplätze bei Nokia verloren haben? Wir erinnern uns noch alle an die aufgebrachte Stimmung in Nordrhein Westfalen, als Jürgen Rüttgers (CDU) sich sogar zu der Bemerkung hinreißen lies, die Rumänen wären faul. Das war bei einer Wahlveranstaltung in Duisburg, am 26. August 2009, also kaum zwei Jahre her. Laut dem HAMBURGER ABENDBLATT vom 5. September 2009 waren das seine Worte: "Und im Unterschied zu den Arbeitnehmern im Ruhrgebiet kommen die in Rumänien nicht morgens um sieben zur ersten Schicht und bleiben bis zum Schluss da. Sondern sie kommen und gehen, wann sie wollen, und sie wissen nicht, was sie tun."

Rüttgers hat sich damals entschuldigt und ist längst aus der ersten Reihe der deutschen Politik verschwunden. Und man kann es kaum glauben: Auch Nokia wird noch heuer aus Rumänien verschwinden. Das finnische Unternehmen hat seinen Abzug angekündigt, aus Kostengründen. Die Produktion von Handys und die Absatzmärkte wären in Asien eben günstiger, heißt es in einer offiziellen Mitteilung des Konzerns.

Nachdem Nokia mit Microsoft eine Partnerschaft eingegangen war, kündigten die Finnen schon im April dieses Jahres den Abbau von weltweit 6000 Arbeitsplätzen an. Nur war nie so richtig klar, wen es erwischen wird. Jetzt wissen die 2200 Beschäftigten der Fabrik in Jucu bei Cluj-Napoca (Klausenburg), dass sie ihre Arbeitsplätze verlieren werden.

Was soll's? Heuschrecken ziehen weiter, wenn die Landschaft kahl ist. Die Rumänen haben den Finnen 2007 eine Fläche von 90 Hektar in einem erschlossenen Gewerbepark "cu titlu gratuit", also unentgeltlich überlassen. Nokia hat zwar 60 Millionen Euro in die neue Fabrik investiert, aber bei den rumänischen Löhnen anscheinend in kurzer Zeit so viel Gewinn gemacht, dass ein Weiterziehen in billigere Standorte gemäß der Nokia-Unternehmensphilosophie des Shareholder Value geboten scheint.

Mir allerdings scheint es bemerkenswert, dass rumänische Politiker ziemlich selbstkritisch - wenn auch aus Sicht der  Opposition - mit dem Weiterflug der Finnen, von dem auch ca. 1000 Arbeitnehmer in diversen Zulieferfirmen betroffen sind, umgehen. Aurelia Cristea, stellvertretende Vorsitzende der Clujer PSD (Sozialdemokratische Partei), findet klare Worte: " Die exzessive Bürokratie, Steuern, Taxen und Extrataxen (versteckte Zahlungen, die man von Investoren fordert), fehlende politische Zuverlässigkeit der Regierung Boc haben ein unternehmerfeindliches Umfeld geschaffen."

Arbeiter in Asien werden nicht beschimpft. Hoffentlich ergeht es ihnen besser als ihren Kollegen in Deutschland und Rumänien. Irgendwann wird ja auch die gefräßigste Heuschrecke voll sein. Immerhin, ich hatte vor Bochum kein Nokia-Handy und habe auch nach Jucu keins.

Sonntag, 25. September 2011

Seppi und Peppi unterhalten sich über Ingolstädter Seitenhiebe zwischen den Reihen

Seppi und Peppi lesen die Lokalzeitungen im Bahnhoscafé des trostlosesten Bahnhofs einer deutschen Großstadt. Es ist übrigens ein herrlicher Spätsommersonntag. Eigentlich der letzte - rein kalendarisch betrachtet.

- Morgen kommt der Sarrazin zum Lesen ins DONAUKURIER-Forum.
- Der DONAUKURIER hat den Thilo Sarrazin angerufen und ihn gefragt, was er von der Eine-Woche-Urlaub-vom-DONAUKURIER-Aktion der hiesigen Grünen halte.
- Und was hat der gesagt?
- "Albern" und "antidemokratisch".
- Steht das alles im DONAUKURIER?
- Auf jeden Fall steht hier auf der Titelseite die Begründung für die Nachfrage bei dem Ex-Banker.
- Und die wäre?
- "Wie es die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet."
- Und das "albern" und "antidemokratisch", wo hast du das her? Hier, aus dem BLICKPUNKT WOCHENENDE.
- Aha, die Konkurrenz.
- Ich kann mir sogar vorstellen, dass diese "journalistische Sorgfaltspflicht" des DONAUKURIER ein Hinweis  auf deren Unterlassung seitens anderer in Ingolstadt erscheinender Presseprodukte ist.
- ??
- Schau her, da steht in einem Artikel zu einer ganz anderen Provinzposse: "Am Mittwoch kam heraus, was eine Gruppe innerhalb der Simon-Mayr-Gesellschaft im Schilde führte. Die Internetausgabe der STATTZEITUNG publizierte einen Artikel, in dem über Rainer Rupps Amtsmüdigkeit spekuliert wurde; für den Präsidentenposten würde die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Agnes Krumwiede (34), zur Verfügung stehen. Mit dem Präsidenten selbst hatte die STATTZEITUNG zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht gesprochen."
- Die haben ihre "journalistische Sorgfaltspflicht" also nicht wahrgenommen?
- Genau, ein Seitenhieb zwischen den Reihen.
- Guter journalistischer Stil also?
- Ob gut oder schlecht bleibt dahingestellt. Aber auf jeden Fall gekonnt.
- Die Gegenseite auch?
- Eigentlich schon. Die weisen in BLICKPUNKT WOCHENENDE nämlich genussvoll darauf hin, dass "der Besuch Sarrazins hohe Wellen schlägt". Die RHEINISCHE POST soll berichtet haben, dass die DONAUKURIER-Verlagsgesellschaft zugegeben habe, "zahlreiche E-Mails aus ganz Deutschland" bekommen zu haben.
- Was zum Teufel hat aber BLICKPUNKT WOCHENENDE mit der STATTZEITUNG zu tun?
- Ganz einfach: die erscheinen beide in der ESPRESSO MEDIENGRUPPE.

Samstag, 17. September 2011

Der Drang zum Meckern schlägt seltsame Blüten

Manchmal stehen Zeugen Jehovas vor unserer Haustür. Meist öffne ich nicht. Dann gehen sie in ihrem unerschütterlichen Gleichmut weiter. Wenn ich Zeit habe und zum Plaudern aufgelegt bin, öffne ich ihnen für eine kleine Plauderei die Tür. Ich kenne ihr Anliegen und sie meine Zweifel, um nicht zu sagen, Ungläubigkeit. Aber gut - sie sind für mich harmlos, wie ich wahrscheinlich für sie auch.

Solche religiösen Sektierer hatten es in Diktaturen wesentlich schwerer als heute in demokratischen Ländern. Ich erinnere mich, dass es in den 70er Jahren, als ich in Großwardein/Oradea (Rumänien) meinen Militärdienst leistete, immer wieder hieß, in jener und jener Einheit wäre ein Soldat vom Militärgericht zu Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er sich geweigert habe, eine Waffe zu bedienen. Es hatte sich immer um pocăiţi, also Anhänger einer religiösen Sekte, gehandelt.

Noch schlimmer erging es Gerhard Liebold. Er "gehörte wie seine Eltern zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Sein Vater Kurt war bereits im Mai 1941 als Kriegsdienstverweigerer wegen >Zersetzung der Wehrkraft< hingerichtet worden. Vier Monate später erhielt Gerhard Liebold seine Einberufung zur Wehrmacht. Da ihm seine religiöse Überzeugung den Dienst an der Waffe nicht erlaubte, tauchte er in Berlin unter. Ende 1942 ergriff ihn die Gestapo. In einem Verfahren vor dem Reichskriegsgericht verurteilten die Richter ihn zum Tode. Das Urteil wurde im Mai 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Görden vollstreckt."

Dieses und so manche ähnlich verlaufene Schicksale von jungen Menschen im Dritten Reich konnte man in der Ausstellung "Was damals Recht war ..." - Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht unter dem Kellergewölbe des Zeughauses am Bayerischen Armeemuseum  in Ingolstadt auf gut bebilderten und beschrifteten Schautafeln verfolgen.

Der Ort kann für eine solche Ausstellung nicht treffender gewählt sein. Es fröstelt einen. Man steigt hinab in die Grauen des Dritten Reichs, liest von der ungeheuerlichen Mordlust deutscher Richter, die gegen Kriegsende schier unvorstellbare Ausmaße annahm. Dabei "hätte die Militärjustiz die Aufgabe gehabt, Übergriffe von Soldaten zu ahnden". Hingegen "drohte den Soldaten bereits bei kleinsten Verfehlungen der Ausschluss aus der propagierten >Volksgemeinschaft<. Zehntausende wurden hingerichtet, kamen durch einen mörderischen Strafvollzug in Gefängnissen, Straflagern und Zuchthäusern ums Leben oder starben in sogenannten Bewährungseinheiten."

Eine Ecke ist auch den Tätern vorbehalten, die da wären Gerichtsherren, Militärrechtsgelehrte, Fahnder, Divisionsrichter und was diese Mordjustiz noch so an Berufsbezeichnungen zu vergeben hatte. Und wenn der Schauer bisher noch nicht genug waren, so darf man hier erfahren, dass diese schrecklichen Figuren als ehrbare Bürger ihr Leben in einem demokratischen Deutschland unbestraft aushauchen durften, falls nicht noch einige von ihnen einen menschenwürdigen Lebensabend verbringen.

Diese Ausstellung wurde von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ins Leben gerufen. Sie erfüllt ihren Zweck des Hinweises auf die blutrünstige NS-Militärjustiz voll und ganz. Mehr als ein Hinweis kann eine Ausstellung auch nicht geben. Das ganze Ausmaß dieses von der Militärgerichtsbarkeit ausgelösten Unrechts kann man vielleicht nie ganz erfassen. Zu viel wurde in der Nachkriegszeit vertuscht, beschönigt oder schlicht und einfach nur ignoriert.

Umso erstaunlicher, ja kaum zu fassen ist der Beitrag den der DONAUKURIER in seiner heutigen Bayern-Ausgabe veröffentlicht. Da wird von einem Verein, der sich "Freunde des Bayerischen Armeemuseums" nennt, berichtet. Manfred Dumann, der Vorsitzende dieses Vereins, soll einen Rundbrief an Vereinsmitglieder, Schulen und Vereine geschickt haben, in dem er den Ausstellungsmachern "pauschale Diffamierung" der NS-Richter vorwirft.

Ja verdammt nochmal! Dieser junge Mann im Bild nebenan war hochdekoriert und wurde hingerichtet, weil er wie Millionen andere  nicht an den Endsieg glaubte und zusätzlich noch den Mut hatte, das zu äußern. 30.000 ähnliche Todesurteile hat die NS-Justiz gefällt. Ja, war das denn ein Häuflein Ruchloser in Richterroben oder in NS-Uniform, die dieses Unheil angerichtet haben? Nein, das muss ein ganzer, gut funktionierender Justizapparat gewesen sein. Dass es da vielleicht auch die eine oder andere Ausnahme gab, darf man als Bestätigung der Regel natürlich stehen lassen. Alle Ehre vor diesen Herren.

Aber um sie geht es nicht in dieser Ausstellung, falls man sie überhaupt kennt. Hier geht es um die Justizmorde des Dritten Reichs. Ob Herr Dumann wirklich weiß, was Krieg ist, mag dahingestellt sein. Das wissen Bundeswehrsoldaten erst seit einigen Jahren, da war er wahrscheinlich schon außer Dienst. Was er aber mit Sicherheit nicht kennt, ist die unheilvolle Allianz Diktatur - Justiz. Sonst hätte er sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt.

Bleibt nur die Hoffnung, dass kein Schulleiter in Ingolstadt und Umgebung den Rundbrief des Vorsitzenden der Freunde des Bayerischen Armeemuseums seinen Schülern auch noch vorliest. Solche Rückschläge im Umgang mit unserer Geschichte sollten wir uns wahrlich nicht leisten.

Ein Besucher hat heute ins Besucherbuch geschrieben: "Diese Ausstellung ist immer noch und immer wieder notwendig."  Der Mann hat vollkommen recht in Bezug auf "Was damals Recht war ...".

Fotos: Anton Potche

Donnerstag, 15. September 2011

Spüren ist allemal besser als Analysieren

Loris steht mit Orden beladener Brust da wie ein russischer General am Tag der großen Befreiung. Und das ist sie wahrlich, diese CD, eine Befreiung aus alten Blasmusikleiden, die da wären: überbetontes Vibrato in ausufernder Melodieverliebtheit, schlechte Stimmung besonders bei den Klarinetten und vor allem der greislige Gesang.

Nichts von alldem ist hier zu hören. Das ist Bläsermusik in Reinkultur. Wen wundert’s, wenn Mathias Loris die Truppe anführt und ein Blasmusikübervater wie Franz Watz, seinen Segen - vielleicht im Stile eines Generalissimus– zu dem Projekt gibt.

Und schon sind wir bei der ersten Schwäche dieser CD. Nobody is perfect, heißt es und stellt allerorts seine Gültigkeit unter Beweis. Wer sind die Musiker dieser Original Donauschwäbischen Blasmusik. Dass hier nur Amateure am Werk waren, kann ich bei allem Respekt vor Loris’ Tätigkeit als Musikpädagoge nicht glauben.  

Es gibt nicht viele Blasmusikproduktionen, die ein so klares Klangbild vermitteln. Hier muss natürlich der Name des Tontechnikers fallen: Hans Bruss. Als musikalischer Berater wird im Booklet (drei Seiten) Richard Hummel genannt und Stephan H. Pollmann als Gesamtorganisator -Teamarbeit also.

Und doch nur ein Zwei-Mann-Projekt? Bei genauem Hinschauen kann man das durchaus annehmen. Alle 15 Stücke wurden nämlich von Mathias Loris und Franz Watz komponiert oder orchestriert. Das bewirkt eine Fokussierung des interessierten Hörers auf die Arbeit der beiden und gibt dem jeweils eigenen Geschmack die Chance, sich an der hervorragenden Papierarbeit, die hier musikalisch umgesetzt wird, zu reiben.

Das soll der „Russische“ sein? Den habe ich doch selbst vor einer gefühlten Ewigkeit gespielt. Was hat Loris daraus gemacht? Aus einem Militärmarsch eine böhmisch klingende Marsch-Polka? (So kommt er zumindest bei mir an.) Wenn mit dieser CD interpretatorisch neue, lobenswerte Wege beschritten wurden, so wandeln die zwei Komponisten und Arrangeure teilweise doch auf ausgetretenen Wegen. Das ist wahrscheinlich der Tradition, der beide entstammen, geschuldet. Nun möge man mich nicht schlecht verstehen. Hoffentlich verlassen sie diese Walzer- und Polkawelt nicht, aber ein echter Militärmarsch, ohne jedweden arrangierenden Eingriff, täte einer so tollen CD bestimmt zusätzlich gut. Dieses erfrischende Element habe ich mal bei einer Originalfassung des Radezky-Marsches bei einem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker erlebt.


Warum ich nicht endlich zum Schluss komme und zum oder vom Kauf dieser Einspielung zu- oder abrate? Weil ich nur hören will und dieses Denken mich ablenkt vom Lauschen und Fühlen. Blasmusik spüren ist allemal besser als analysieren. Vor allem wenn sich eine instrumental und tontechnisch so gute Scheibe wie Aus der Jugendzeit gerade im CD-Spieler dreht.

Wer mir widersprechen oder zustimmen will, kann die CD hier bestellen: Donauschwaben Musikverlag .

Sonntag, 11. September 2011

Seppi und Peppi reden über den 11. September

Das Bahnhofscafé des trostlosesten Bahnhofs einer deutschen Großstadt hat wieder geöffnet, renoviert. Seppi und Peppi reden über den 11. September.


- Die Wochenendausgaben sind aber voll vom 11. September.
- Ja. Der DONAUKURIER hat sogar eine Extraausgabe gemacht.
- Darum war die Zeitung gestern Morgen auch noch nicht da, als ich zur Arbeit fuhr. Kannst du dich noch erinnern, wie du das damals erlebt hast?
- Vage.
- Du schreibst doch Tagebuch oder hast zumindest damals noch geschrieben, wenn ich mich gut an eine Aussage von dir erinnere.
- Du wirst vielleicht staunen, aber ich habe heute Morgen wirklich das Heft von 2001 hervorgenommen. Ich war selbst neugierig.
- Und?
- Enttäuschend, das heißt, damals schon schreibfaul. Da war gerade mal ein Eintrag vom 23. September und dann nichts mehr bis im Dezember. Weißt du noch, wie du das damals erfahren hast.
- Ja, ich erinnere mich sogar noch ziemlich genau. Ich hatte Spätschicht und arbeitete mit H. L. an der Honmaschine, besser gesagt, er an der Honmaschine und ich an der Vorbearbeitungsanlage. Mein Kollege hatte schon damals ein Handy.
- Du hast bis heute keins.
- Komischerweise auch noch nie benötigt. Plötzlich kam er und sagte, seine Freundin habe soeben angerufen  und ihm erzählt, Flugzeuge wären in die höchsten Wolkenkratzer Amerikas geflogen. Ich dachte natürlich an einen schrecklichen Unfall, aber er war ganz aufgedreht und schwadronierte von einem Angriff auf Amerika usw. Ich nahm ihn nicht ganz ernst, da ich seine Vorlieben für Verschwörungstheorien kannte.
- Da hatte er aber recht.
- Ja, leider. Als ich heimkam, war meine Frau noch wach und saß vor dem Fernseher.

Sonntag, 4. September 2011

Ein gutes Wort im Wald zu Ingolstadt


Mit dem Herbst kommt die Freude am Fühlen. Zumindest in Ingolstadt. Dafür hat auch heuer das Open-Flair-Festival gesorgt. Melodien und Rhythmen, Tänze, Verkaufsstände, viele Zelte, behaust von Menschen in geschichtlichen Gewändern, Bilder und anderes mehr sollten Sehen, Hören und Riechen zu einem freudigen Fühlen vereinen. Ein Festival der Sinne. Dass die schon vom ursprünglichen Konzept her angestrebte Multikulturalität in den letzten Jahren immer mehr einer Darstellung verschiedener Geschichtsepisoden – deutscher natürlich – weichen musste, scheint den Publikumszuspruch nicht gemindert zu haben. Auf der Strecke bleiben bei dieser Entwicklung wohl aber die Ansprüche kulturhungriger Zeitgenossen. Das wirkt sich auf so ein VielFühlFestival (Programmheft) aber in keiner Weise negativ aus, denn es handelt sich eh nur um eine verschwindend kleine Minderheit, die ein Kultur-pur-Erlebnis einer Biergartenatmosphäre vorzieht.

Gut zu beobachten war das heute Morgen im Literaturzelt. Wort im Wald hieß die Veranstaltungsreihe, die im Schatten der alten Bäume etwas von dem zu vermitteln versuchte, was man wohl als unverfälschtes Kulturerlebnis mit nach Hause nehmen kann. Ein Literaturfrühschoppen war angesagt, um 11.00 Uhr. Auf dem Podest saßen drei Männer und im Zelt verloren sich weniger als zwei Dutzend Zuhörer. Dabei war das Diskussionsthema durchaus vielversprechend: Manie – Genie – Die Leiden der Schriftsteller.

Und wirklich, wer zuhören kann, kam auf seine Kosten. Harald Kneitz, der Literaturfachmann des Ingolstädter Kulturamtes, regte seine zwei Gesprächspartner, Schriftsteller Akos Doma und Arzt Prof. Dr. Wolfgang Hartmann, zu einer sehr lehrreichen, unterhaltsamen und zum Teil auch kontrovers geführten Diskussion an. Der Schriftsteller scheint von der Handwerksschriftstellerei, wie man sie im Leipziger Literaturinstitut erlernen kann, nicht besonders angetan zu sein. Da fehle ihm dann bei vielen doch die Leidenschaft zum Schreiben, obwohl er trotzdem gerne einräume, dass bei Genies oft vergessen wird, dass harte Arbeit hinter ihrem Schaffen steckt.

v.l.: Akos Doma, Harald Kneitz,
Prof. Dr. Wolfgang Hartmann
 Der ehemalige Chefarzt des Klinikums Ingolstadt vertritt die Meinung, dass Literatur autobiographisch stark geprägt sein sollte: „Der Künstler muss in der Welt sein.“ Daraufhin meinte Akos Doma, das Fiktionale käme bei einigen zeitgenössischen Autoren eben durch eine zu starke Fokussierung auf das Autobiographische bereits viel zu kurz.

Und so ging es munter hin und her. Goethe und Kleist geben schon einiges zum Thema Manie, Genie und natürlich Leiden her. Prof. Dr. Hartmann ist ein sehr belesener Mediziner und als er Werther und die Folgen seines Erscheinens in der Literatur ansprach, konterte Doma mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass „Goethe sich nur im Werther, während Kleist sich tatsächlich selbst umgebracht habe“. Es blieb im Verlauf des Gesprächs natürlich nicht bei Goethe und Kleist. Musil, Thomas Mann, Dostojewski, Hamsun und andere Größen der Zunft fanden Erwähnung und dienten als Beispiel oder Vergleich für die eine und andere Stellungnahme der Gesprächspartner. Harald Kneitz moderierte sehr zurückhaltend, seine Interventionen zeugten aber von hohem literarischem Sachverstand.

Gute Gespräche führen zum Verlust des Zeitgefühls. Eine Stunde war im Nu vorbei und das Thema natürlich bei weitem nicht ausdiskutiert, denn „es ist unerschöpflich“, wie Prof. Dr. Wolfgang Hartman vor dem Schlusswort des Moderators meinte. Nach zwei interessanten Wortmeldungen aus dem Publikum begaben sich die wenigen Zuhörer, zwei oder drei waren noch hinzugekommen, auf den Weg in die VielFühl-Menge, wo Essen, Trinken, Tanzen, und Flanieren letztendlich den Erfolg auch dieses Festes ausmachen werden. Zumindest sie haben auf diesem Festival eine Kulturform in Reinkultur erlebt: ein sehr gutes Gespräch über einige Aspekte der Literatur.


Fotos & Video: Anton Potche