Donnerstag, 27. Januar 2011

Musiktalent und Musikwissenschaft

Ist von den Rumänen die Rede, dann wird oft auch ihre Musikalität ins Spiel gebracht, wobei nicht immer klar ist, ob damit nicht vielleicht die Zigeunermusik gemeint ist. Ich habe heute noch im Ohr, wie ein gewesener Musikkollege, der viel mit rumänischen Tanzkapellen als Schlagzeuger in Siebenbürgen unterwegs war, voller Bewunderung von der Harmoniekunst und dem mörderischen Rhythmus dieser Musikanten, die nie Noten lasen, sprach. "Ţine aproape, măi băiete" (Bleib dran, Junge), soll der Kapellmeister seinem jungen sächsischen Schlagzeuger zugerufen haben.

Die brilliante Technik der rumänischen Bläser lässt auch heute noch so manchen "gelernten" Blasmusiker aus deutschen Landen vor Neid erblassen und anerkennend ausrufen: "Da will man ja sein Instrument wegschmeißen." Ich habe das sinngemäß öfter schon in Musikantenkreisen gehört. Es ist zweifellos die größte Anerkennung, die diesen nativen Bläsern - ob Taraf (Volksmusikorchester) oder Blaskapelle - aus den rumänischen Landen unsererseits entgegenschlägt.

Diese Anerkennung funktioniert aber auch in der entgegengesetzten Richtung, ja schlägt sich auch hier in aufrichtiger Bewunderung nieder. Laurenţiu Darie ist einer der 33 Musiker, die eine Einladung für das YouTube Symphony Orchestra bekommen haben. Der 33-jährige Fagottist aus Rumänien hat den Bewerbungsvorgaben zufolge seine eingespielten Stücke in das Videoportal gestellt und wurde genommen. Dirigiert wird das Orchester von Michael Tilson Thomas, musikalischer Direktor der San Francisco Symphony. Das Orchester spielt am 20 März in Sydney und wird angeblich von YouTube live übertragen.

Dieser Laurenţiu Darie ist ein Weltreisender in Sachen Musik. Und eben darum ist seine Meinung über die Musik in Deutschland aller Ehren wert. Der Mann hat sein Musikstudium in München begonnen, nachdem er schon als Mitglied der Bukarester Philharmonie, Rumäniens Spitzenorchester, sein tägliches Brot verdient hatte. Und was er zum Wechsel nach München jetzt der rumänischen Tageszeitung ROMÂNIA LIBERĂ sagte, kann wohl ehrlicher nicht sein: "Ich kam wie eine Diva aus Rumänien und glaubte den Gipfel erklommen zu haben, um dann festzustellen, dass dieser sehr weit entfernt war und ich mich ungefähr in der Nullzone befand. Das Niveau der deutschen Musiker ist gigantisch. Bei ihnen ist die Musik Wissenschaft. Bei uns stützt sich alles auf Talent." Sein Lehrmeister in München war Marco Postinghel vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Was bleibt uns da mehr, als Danke zu sagen und einfach mal zuzuhören: Laurenţiu Darie

Un was dieser rumänische Musiker unter "Nullzone" versteht, kann man sich hier anschauen und -hören: Philharmonie George Enescu (Bukarest)

Samstag, 22. Januar 2011

Mensch, Kathi!

Die Müller un ehre Pastior, de Schlesak un de Pastior, de Sienerth un de Pastior. Immer de Pastior, de Oskar Pastior. De Herrgott soll’m sei Ruh schenke. Der werd des aah mache. Norr die uf der Erd wolle des net nohmache, die Freinde und Feinde un Freindfeinde un rumäniendeitsche Schriftsteller. Des is jetz zwar e Steigerung, bleibt sich vum Inhalt awwer gleich, weil es sich immer um dieselwe Persone handelt. Allzuvill Leit werre sich wahrscheinlich jo net um des rumäniendeitsche Securitatezirkus kimmre, awwer es deitsche Feuilleton is forr die Gschichte dankbar. Immerhin kann merr dodriwer Artikle schreiwe, wann se aah manchesmol krotteschlecht sin, wie neilich in der FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (21.01.2011).

De Ernest Wichner taucht aah immer wedder in de Zeitschrifte- un Zeitungsartikle uff. De SPIEGEL hot die Wuch e lange un braade Bericht iwwer des Spektakel gebrung. Un es Müller Herta hot sich schun glei noh Neijohr in’re Sendung vum Schweizer Fernseh so herzzerreisend iwer des Unrecht, was merr jetz seim Romanfigurgewwer Pastior ontot, beklaat, dass oom’s Kreische hätt kumme känne. Es is halt vill Tragik in der verzwickt Gschicht drin, un wann die no aah noch vun Schriftstellre ufgetischt werd, no steigert des Ganze sich nateerlich ganz schnell ins Dramatische ... odder awwer aah ins Tragikomische. So wie in der erwähnt FAZ.

Mer muss sich des mol vorstelle. Jetz fahrt der Ex-Guttebrunner uf Bukarest un sitzt sich Täch lang in so e fensterloses Loch, forr beweise, dass de Pastior ka beeser Spitzel war, ehnder noch de Dieter Schlesak, der wu gsaat hot, dass de Pastior ne vertratscht hot. Was er, de Wichner, bis jetz funn hot, is schun mol was Positives. Endlich hun mer aah mol e ehrliche Spitzel, nämlich de „Ehrlich“ heechstperseenlich. Un noch etwas Gutes kann merr aus dem ganze Kudlmudl rauslese, un zwar dass die deitsche Feuilletoniste vu’me „balkanische Kapitel der deutschen Literaturgeschichte“ schreiwe, wie de Dirk Schümer jetz in der FAZ. Asso was mer dort unne geles hun, in der NBZ, im NW, der NL usw., des is heit e Stick deitschi Literaturgeschichte. Na wann des ka Anerkennung forr unser rumäniendeitschi Literatur is. Des is jo fast wie e Ritterschlach. Die vum Nobelpreiskomitee hun des schun immer gewisst: Mann, Böll, Grass, Müller

Am schennste awwer is es, wann die vereiferte Literaturredakteure selwer es Fabuleere onfange, so wie die Leit, iwer die wu se schreiwe. Uf mol hot die „Aktionsgruppe Banat“ schun in de sechzicher Johre im Banat ehre Unwese getrieb. Do muss merr sich mol vorstelle, wie literarisch friehreif die Bucher um de Wagner Richard hun sein misse. Dergee is em Mozart sei kindlichi Musikpotenz jo de reinste Pippifax. Un die Revolution, selmols im 89er an Weihnachte, die regt noch immer deitsche Journalistefantasiee on. De Artikelschreiwer vun der FAZ is noch immer gschockt vun dee „über zehntausend Ermordeten“ während der rumänisch Revolution. 

Der Zeitungsmann hätt doch sei Text norr vun der Banater Redakteurin, die wu bei der FAZ arwet, breiche dorchlese losse. Noh wäre’m so Patzre net passeert. Vleicht wärs iwerhaupt aah gar net zu dem ganze Pastior-Dorchnanner kumm, wann’s die betreffend Redakteurin net gewwe hätt. 

De Dieter Schlesak schreibt uf seim Blog unner annrem. „Trotz allem hätte ich am liebsten über Pastiors Berichte geschwiegen, das Belastende verschwiegen. Es bei der Verteidigung belassen. Doch das war nach Lage der Dinge fast unmöglich! Was wäre geschehen, wenn jemand anderes über den Aktenfund in meinem Dossier geschrieben hätte?! Und das war eigentlich sicher, denn ich hatte in Bukarest der Kollegin und Freundin Ana Blandiana von diesen verrückten Berichten Oskar Pastiors erzählt, der mich, völlig absurd, als Vertreter der Moderne und als Anhänger westlichen Gedankenguts sowie Westkontakte bei der Securitate denunziert. Ana musste über diese absurde Sache lachen, dass unser modernistischer und experimenteller Lyriker so was getan haben sollte. Leider war im Nebenzimmer eine FAZ-Mitarbeiterin, die aus Temesvar stammte, also Rumänisch konnte, zu Gast. Sie hatte alles mitgehört. Am nächsten Morgen sah sie dann auch prompt meine Akte ein. Als ich ihr sagte, dass ich am liebsten nicht schreiben wolle, sagte sie, dann schreibt sicher anders jemand, und dann eben so, wie er die Sache sieht, und nicht wie ich sie sehe! Und riet mir zu schreiben, und zwar sofort. So rief ich dann aus Bukarest Frau von Lovenberg von der FAZ an; sie nahm sofort an. Und am 16.11. erschien mein Artikel, der meine Verteidigung Oskars in der ZEIT korrigierte.“

Ich hun in dem Zitat etwas ongfärbt. Un weil ich so e neigeerichi Johrmarker Tratschbas sin, hun ich heit Morjet mol im Impressum vun der FAZ nohgschaut. Do werre die Ressortleiter vun alle meegliche Redaktionsstuwwe ongewwe, norr bei der Abteilung „Briefe an die Herausgeber“ war ka Nome gschrieb. Ich waaß nateerlich net, wer die „FAZ-Mitarbeiterin, die aus Temesvar stammte“ is, awwer ich hun schun efter mol erlebt, dass Leit vum Dorf, vun annre Leit gere der Stadt, in der Näh vun ehrem Dorf, zugeordnet werre. Ich moon, merr merkt sich aah wirklich schneller, dass ooner odder ooni aus Temeswar stammt, statt, soon mer mol, aus Johrmark. 

Dass es jetz wirklich e Redakteurin bei der FAZ gebt, die wu aus Johrmark stammt, is nateerlich wedder e dummer Zufall. Ich hun des wirklich net gewisst. Ich schweer’s eich... mi’m Finger im Hossesack. Awwer ich hun’s i’me Buch geles. Die Fraa hot e Biografie wie unseroons in zehn Lewe. Dabei is se noch gar net alt. Do kann merr newer vill, vill annrem aah lese: „1990 – 2001 war sie Assistentin/Sekretärin des Außenpolitikleiters in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 2001 im Ressort ‚Zeitgeschichte’, seit 2003 wirkt sie an der Gestaltung der ‚Briefe an die Herausgeber’ mit.“ Ich waaß, dehr seit jetz neigeerich, wer des is. Soon ich awwer net. De Nome vun dem Buch verrot ich eich awwer: Die Erinnerung bleibt – Donauschwäbische Literatur seit 1945, Band 4, K-L. Es kost norr 36,20 Euro mit Versandt. Bstelle kann merr’s beim Oswald Hartmann Verlag, Großsachsenheimer Str. 20, D-74372 Sersheim; Tel.. 07042/33604. Owacht gewwe! Net falle losse, des kennt schwarze Fußneel gewwe.

Na ja, do steht noh aah noch, dass die Fraa „Gedichte in der NEUEN LITERATUR und BANATER ZEITUNG“ veröffentlicht hot. Vill Johrmarker werre des net gewisst hun un vleicht bis heit net wisse. Dort hot merr zwar e jede Musikant gekennt – un des ware, waaß Gott, net wenich -, awwer doch net die zwaa drei Dichtre odder Dichterinne im Dorf. Un de Dieter Schlesak, der war jo Redakteur in Bukarest bei der NEUEN LITERATUR. Vun doher is es asso net unwahrscheinlich, dass merr sich kennt odder schneller mitnanner ins Gspräch kummt, wann mer sich zufällich bei der CNSAS in Bukarest trefft. Do machts noh aah nicks meh aus, dass de Schlesak schun in Deitschland war, wie unser Johrmarkerin noch im Sand gspillt hot.

Wann merr dee ganze Pastior-Dorchnanner so lest, no kann merr soon, do hat (vleicht) mol wedder e Johrmarker/in sei/ehre Hand im Gspill ghat. Un was is rauskumm? Wer will do vor so vill Beem noch e Wald siehn? Des hun ich mei Fraa gfroot. Un die hot gemoont, es wär heechsti Zeit, dass es Friehjohr kummt un ich mol was im Garte zu ton krien. No is endlich aus mit der Spinnerei un sellt ich dee oone Boom in unsrem Garte nemmi siehn, no wär sowieso Laab un Gras vlor. Na Servus Kaiser!

Donnerstag, 20. Januar 2011

Der Weg zum Schwarzen Meer wird immer kürzer

So könnte man das auch sehen. Wenn man einen Artikel der ROMÂNIA LIBERĂ positiv betrachtet, versteht sich . Der Strand an der rumänischen Schwarzmeerküste wird jährlich um ca. zwei Meter kleiner. Das Meer dehnt sich aus. Mamaia wir in zwanzig Jahren keinen Strand mehr haben, orakelt das Blatt.

Es müssten natürlich Maßnahmen getroffen werden. Das Problem ist seit Jahren bekannt, nur mit Machbarkeitsstudien allein kommt man der Sache aber nicht bei. Ein japanisches Institut soll auf "eigene Kosten" schon vor sechs Jahren einen Rettungsplan für die rumänische Küste vorgelegt haben. Da fragst du dich schon, welche fernöstlichen Interessen wohl da im Spiel sind. Wobei ich gerne zugebe, dass ich von der eventuellen alltruistischen Seele der Japaner so gut wie nichts verstehe.

Zur Realisierung des japanischen Planes kam es aber nicht, denn ohne Moos ist nicht nur bei Gunter Gabriel, sondern auch in Rumänien nichts los. Heh, warum sind wir denn in der EU, fragen sich jetzt die zuständigen rumänischen Behörden und denken über einen Antrag für Fördergelder aus Brüssel nach. Dabei haben sie gleich den gesamten rumänischen Küstenstreifen im Visier, auf einer Länge von rund 240 km. Mit 100 Millionen Euro könnte nach Einschätzung rumänischer Fachleute Abhilfe geschaffen werden.

Schau mer mal. Ich schätze, das Schwarze Meer wird auch weiterhin immer näher kommen. Für uns Westeuropäer wäre das immerhin ein um 40 Meter verkürzter Anreiseweg . Aber noch nicht sofort, das wäre doch zuviel des Guten, sondern erst nach ungefähr 20 Jahren.

Samstag, 15. Januar 2011

Servus Nino!

Februar 1979. Musikantenball. Das heißt Konzertabend. Der Moderator, damals und dort hieß er noch Ansager, kündigt Zwei Trompeter an. Und zwar so:

In einem Tale standen
in pechschwarzem Gewande,
gefangen im Liebesgewebe,
zwei blutjunge Trompeter.

Ihrer Trompete Töne stiegen auf
zu dem fernen Försterhaus,
aber dort oben wollt' sich nichts rühren,
verschlossen blieben alle Türen.

Staunend des Försters Töchter lauschten
den so fremd klingenden Lauten.
Das war nicht das vertraute Waldhorn, 
da klang ein ihnen fremder Ton.

In Gesellschaft hört man oft,
dass die Trompeter heute noch,
drunten in dem Tale steh'n
und sehnsuchtsvoll zur Hütte sehn.

Nino & Helmuth betreten die Bühne mit ihren Trompeten. Und spielen. Für ihre Mädchen. Für das Publikum. Und die Zeitung berichtet davon: Heimatklänge zum Wochenausgang

Die zweite Stimme ist verklungen. Nino wurde heute zu Grabe getragen. Helmuth wartete dort auf ihn und spielte mit Freunden Rauschende Birken ... ohne die zweite Stimme aus seiner Jugend.



Leb wohl Nino!

Irgendwann spielen wir wieder alle zusammen.

Toni

Freitag, 14. Januar 2011

Seppi und Peppi und die Zukunft

Das war ein verdammt ungemütlicher Tag heute, dieser 13. Januar 2011: Regen, Wind, unfreundlich. Peppi und Seppi hatten sich am Nachmittag in ihrem trostlosen Bahnhofscafé verabredet - als würde es kein anderes Lokal auf dieser Welt geben.

- Und wie ist es gelaufen?
- Na ja.
- Erzähl.
- Um 12.30 Uhr ist der letzte Motorblock aus der Dichtprüfanlage Bayer gelaufen. IO. Ich habe als Letzter meinen Namen mit einem blauen Stift auf den Block geschrieben. W.I. hatte Tränen in den Augen und die Sprache war ihm abhandengekommen. (Es gab noch verwässerte Blicke aus nachdenklichen Gesichtern.) Ich habe versucht, ihn mit der Erkenntnis zu trösten, dass wir heute einerseits zwar eine Arbeit und - für einige einen liebgewonnenen - Arbeitsplatz verlieren, aber andererseits auch zu den ersten Zeugen einer technischen Revolution gehören, die des Menschen individuelles Reisebedürfnis unabhängig von endlichen Energieressourcen befriedigen soll. Wir haben heute den Beginn des Endes der Verbrennungsmotore miterlebt. Ein geschichtsträchtiger Augenblick. Niemand von uns muss die Firma verlassen. Auf jeden - fast auf jeden - wartet schon ab Montag eine neue Aufgabe.
- Das hast du deinem Kumpel gesagt?
- Ja.
- Als Trost?
- Ja.
- Und den Vogel?
- Hat er mir nicht gezeigt.

Der Regen will und will nicht aufhören. Dieser Kaffee schmeckt heute einfach nur schal. So ist es nun mal an manchen Tagen.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Partygespräche

Es kam in dieser kleinen Runde, guter rumänischer Doppeltgebrannter wurde auch serviert, wieder mal viel auf den Tisch: Politik, Gewerkschaft, Arbeit - fast alle männlichen Protagonisten arbeiten in derselben Firma -, alte Zeiten und, wie bei Rumäniendeutschen nicht selten in Wintermonaten, die Revolution.

Da saßen Leute mit am Tisch, die damals noch "unten" waren und die Ereignisse in verschiedenster Art und Weise miterlebt haben: die Frau, die voller Angst in Temeswar den Weg von der Fabrik zum Bahnhof zurücklegte; der Mann, der in einer Temeswarer Einheit seinen Militärdienst ableistete - "Die Einheimischen bekamen keine scharfe Munition, nur die Soldaten von weiter her." -, das Mädchen mit seinen nicht vergessenen Sorgen um den Freund in einer Kaserne der nahen Kreisstad; der Jugendliche, der nach der Christmette seine Freundin nach Hause brachte und wieder zurückkehrte, um unter der "Führung" eines geistige Kapriolen schlagenden Kirchenratsmitglieds - er habe als "cuţitar", das ist wohl ein qualifizierter Gurgelabschneider, in der rumänischen Armee gedient und schon damals den Auftrag bekommen, Ceauşescu aus dem Weg zu räumen, Auftrag, der dann doch nicht zur Ausführung kam - die Heilige Nacht in der Sakristei beim Kartenspielen zusammen mit Kammeraden verbrachte, um die Kirche vor einem eventuellen Terroristenangriff zu schützen; und, und, und.

Ich kam mir dabei mit meiner kleinlaut vorgebrachten Demonstrationsteilnahme auf dem Münchner Odeons-Platz vor wie einer, der nach dem Regen mit dem Schirm herumläuft.

Revolutionen machen Menschen verrückt, bringen sie ganz durcheinender, stören ihre Wahrnehmung, generieren absurde Reflexe usw. Dazu gehört auch der Glaube an Verschwörungstheorien, die nach solchen seelisch belastenden Ereignissen gewöhnlich ihre Kreise ziehen - oft Jahre oder gar Jahrzehnte danach. Spontan fallen mir hier Streitgespräche unter Arbeitskollegen auf, die klären sollten, ob Armstrong wirklich auf dem Mond war oder ob der 21. September gar eine amerikanische Machenschaft gewesen sein könnte.

So war ich nicht allzusehr überrascht, als bei obigen Partygesprächen auch die Theorie verteidigt wurde, die rumänische Revolution wäre von langer russischer & amerikanischer Hand vorbereitet gewesen. Diese Verschwörungsgeschichten wurden besonders von den damals unmittelbar Betroffenen als plausibel eingestuft, während ich als Außenstehender nach wie vor von einer spontanen Volksbewegung ausgehe. Die Verschwörungsanhänger stützten sich in ihren Argumentationen vorwiegend auf einen bereits im Jahre 2003 produzierten Dokumentarfilm.


Die Frauen und Männer, die damals noch "unten" waren, sollten sich diese Revolution nicht nehmen lassen.Es war ihre Revolution, unabhängig davon, wie sie sie erlebt haben. Es war ihre Angst, Ungewissheit, Hoffnung, aber auch ihre Aufbruchstimmung, und wenn es nur die zum endlich Auswandern war. Sogar der aufgedrehte Messerheld hat ein Recht auf "seine" Revolution.

Dieser Film gibt ein hervorragendes Beispiel für die Konstruktion von Verschwörungstheorien ab. Nichts, aber auch gar nichts deutet in dieser Dokumentation auf einen von außen oder innen gesteuerten Sturz des Diktators hin. Das sind alles nur Vermutungen, Deutungen, Erklärungsversuche, oft sehr klägliche, um den damaligen Ereignissen jedwelche Spontaneität abzusprechen. Nicht von Ungefähr betont Charles Cogan, 1989 CIA-Chef in Paris, in dem Film: "Ich spreche natürlich rein theoretisch."

Dass Dinge passiert sind, die nie aufgeklärt wurden, gehört zum Charakter einer Revolution. Für eine begrenzte Zeit werden alle Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt. Es herrscht Anarchie, das blanke Chaos. Rumänische Bürger aus dem Dorf sind morgens mit dem Ansinnen "facem democraţie - wir machen Demokratie" in die Stadt, den Revolutionsherd, gefahren und abends frohgemut zurückgekommen, um gleich in der Dorfkneipe den Revolutionseinsatz für den nächsten Tag zu planen.

Auch das allgemein gerne vorgebrachte Argument, der Auslösemoment wäre von fremden Geheimdiensten gesteuert worden und hätte so die Revolution erst ermöglicht, entbehrt jeder Grundlage. Im Gegenteil. Der Temeswarer Schriftsteller Daniel Vighi bekräftigt in einem Interview mit der BANATER ZEITUNG aus Temeswar (15.12.2010): "Es war spontan. Diejenigen, die anfangs protestiert haben, waren Mitglieder der Theatergruppe des Studentenkulturhauses, mit denen Tökés zusammenarbeitete."

Man war dort, in dem Land, dem einzigen in Europa, in dem eine Revolution noch nach altem Muster ablief, mit Toten und Verletzten. Ob als Klawerjas spielender Antiterrorwächter, ob als sorgende Mutter, ob als bangende Freundin, ob als verunsicherter Soldat oder wie auch immer, man war Teil dieser Zeit und sollte sie nicht von Szennarienschreibern und Filmemachern vereinnahmen lassen.

Das hat nichts mit falschem Stolz, Angeberei oder gar ungerechtfertigten Teilnehmeransprüchen zu tun. Es ist nur der Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins. Was im Dezember 1989 in Rumänien stattfand, war ein echter Volksaufstand. Die katastrophale Versorgungslage im Land hat den Funken von Temeswar zu einer Riesenflamme entfacht. Daher wäre es gut, wenn alle Verschwörungstheoretiker erst mal dem Rat des damaligen CIA-Chefs für Osteuropa, Milton Bearden, folgen würden: "Ich will nicht sagen, dass das alles Unsinn ist, aber ich schlage vor, dass Sie da mit Vorsicht vorgehen."

Freitag, 7. Januar 2011

Mensch, Scharka!

De Carl Gibson hot meh Berufe, wie in meiner ganzer Ahnengalerie vorkumme. Dort hot's norr e Zimmermann, e Fassbinder un, de Rest bis zu der Einwanderergeneration ins Banat, Baure gewwe. Gut, e Musikant war aah dabei, awwer des war jo selmols schun e Hobby, wann's aah noch net so ghaaß hot, un ka Beruf - sogar in Johrmark.

Nateerlich hun ich do e riesen Respekt vor'me Mann, der wu Autor, Publizist, Philosoph, Literatur- un Zeitkritiker gelernt hot. Do kann ich als oonfacher Bandarweter norr voller Verwunnerung zu dem Mann ufschaue. Hoffentlich gehts em net mol so wie der Elena. Die war mol mit ehrem Mann, em Nicolae, in Wien uf Bsuch un is oweds loonich ausgang. Dabei hot se sich verlaaf un weil se ka Lust ghat hat, eehre Hotel zu suche, hot se sich gedenkt, sie geht halt ins eerscht beste nin un iwernacht dort. Ich moon aah, ooni Nacht ohne de Nicolae geht jo grad noch. Sie is no nin gang hot iwer de Porteer gsaat, sie will e Zimmer forr die Prof. Dr. Dipl.-Ing. Akademiemitglied Elena Ceauşescu. Naa, des geht beim beste Wille net, hot de Porteer gsaat, er hot norr meh oon Zimmer frei. Die Elena kann dort iwernachte, awwer die annre misse drauß bleiwe.

Ich kenn jo de Carl Gibson vun Sacklas net, un waaß norr, dass sogar es Müller Herta un de Wagner Richard neidisch sin iwer sei ville Berufe. Sunst meechte se jo net immer so iwer ne schenne. Na sie hätte doch aah etwas Gscheides lerne selle, no wäre se des aah wor.

Um so stolzer sin ich, wann ich in're strict secreter Akte vum Ministerul de Interne, Inspectoratul Judeţean Timiş, serviciul 1/B, die wu de Carl Gibson uf seim Blog veröffentlicht hot, wie des jetz Mode is, lese kann, dass e gewisser "turist vest-german Scheuer Mihai, care se afla în vizită în R.S.R.", a Brief vum Carl Gibson mit uf Deitschland gholl hot, um ne dort bei Europa Liberă abzugewwe. In dem Brief steht drin, dass er, de Carl Gibson, der unabhängig Gewerkschaft SLOMR beigetret is, um so uf Deitschland fahre zu kenne - "să adere la acesta în scopul obţinerii aprobării de plecare definitivă în R.F.G.".

Ich waaß nateerlich net, ob de Scheuer Mihai, dee Brief abgewwe hot. Awwer ich bild mer jetz oonfach mol in, der Mann wär e Johrmarker, kennt jo sein vum Nome her, un no wär asso e Landsmann vun mehr mitverantwortlich, dass es Ceauşescu-Regim vun innewenzich langsam, awwer sicher verfault is.

Was mer awwer net so gut gfallt, is, dass de Carl Gibson anscheinend die Gewerkschaftsidee missbraucht hot, um abzuhaue, un se net umgsetzt hot, um Verbesserunge forr's werktätiche Volk zu erreiche. (Als ingfleischter IG Metaller muss ich des mol losswerre.) Des gilt nateerlich norr forr dee Fall, dass selmols de locotonent colonel Istrate Gheorghe ka Märchen in sei strict secreti Akte gschrieb hot. Weil aah des is jetz in Mode, dass manche Leit behaupte, die mit de Schreibmaschine gschriebne Akten vun de Securitateoffizeere wäre oft Eigeninterpretatione un net des, was die Opfer odder Täter in dem Saustall so alles gsaat hun.

Montag, 3. Januar 2011

Die Philosophie der Kugel - Ausstellung der Gruppe Brückenkopf in Ingolstadt

Seit 19 Jahren gibt es in Ingolstadt die Künstlergruppe Brückenkopf. Sie läutet traditionell das Künstlerjahr in der Stadt an der Donau ein. So auch heuer. Am 1. Januar fand die Vernissage der Neujahrsausstellung in der Leo-von-Klenze-Schule am Brückenkopf statt. Ingolstadts ehemaliger Kulturreferent Siegfried Hofmann ist nach wie vor ein gesuchter Laudator und versah auch diesmal sein Amt laut DONAUKURIER mit "krafvollen Kommentaren".

Wer sich die Zeit nimmt und am Brückenkopf vorbeischaut, wird diese Auszeit von der Alltagshektik nicht bereuen. Vor allem wird er nicht mit einer unüberschaubaren Fülle von Kunstwerken aller Art, wie man das bei Sammelausstellungen öfter mal erlebt, konfrontiert. Er kann in Ruhe jedes Bild und Objekt betrachten, ohne durch die Ausstellung (auf zwei Ebenen) zu rennen und ohne mit dem nächsten Termin im Hinterkopf befürchten zu müssen, nicht alles in Ruhe betrachten zu können. Eine halbe Stunde wird man ja wohl noch ungestört schauen, bewundern, sich staunen, fragen oder auch ablehnen können.

Albert Mittermaier ist im oberpfälzischen Hemau geboren, lebt aber schon seit 1954 in Ingolstadt, wo er die Brückenkopf-Künstergruppe mit ins Leben rief. Er präsentiert sich heuer mit Pastell-Bildern, Zeichnungen, Acryl-Bildern und - sehr interessant und vielleicht darum unverkäuflich? - Fotos von Zeichnungen.

Zu was man Papier alles zusammenfalten kann, zeigt Helga Schießl. Da stehen Stehlen verschiedener Größen, hängen aber auch schwarzweiße Papierfantasiegebilde an Stellwänden.

 Mit Acryl, Textilien und Dachpappe arbeitet Franz Schießl. Er wird heute im DONAUKURIER mit der Aussage zitiert: "Die Kadaver stinken nicht. Und so lang's nicht stinkt, ist alles in Ordnung." Was er damit meint, zeigt das nebenstehende Foto. Diese Arbeit aus Acryl + Mumie trägt den Titel: Alles Leben hat ein Ende. Preis: 600 Euro.

Rosemarie Memmler malt vorwiegend Acryl-Bilder. Ein bisschen Fantasie sollte der Betrachter ihrer Bilder schon mitbringen. "Verfremdete Landschaften" heißt das in der Zeitungsbesprechung dieser Ausstellung.

Acryl und Aquarell sind die Techniken, deren sich Hannelore Fent für die Schaffung ihrer hier gezeigten Bilder bedient hat. Schöne Clown-Bilder, aber traurig. Warum nur sind diese Clowns, die uns doch zum Lachen bringen, immer dem Weinen so nahe?

Die Künstlergruppe hat jedes Jahr auch einen Gast. Diesmal zeigt Peter Schwenk Ausstellungsstücke aus seiner Künstlerwerkstatt. Was man mit Schrott alles machen kann, und Schönes, vor allem. Sogar Kugeln.

Metall-Bildhauer Peter Schwenk

"Die Welt ist eine Kugel. In der globalen Wirtschaftskrise schien es, als würde diese Kugel unaufhaltsam auf ein bodenloses Loch zurollen, Firmen und Mitarbeiter blickten in einen Abgrund." So titelt die Wirtschaftszeitung AKTIV in ihrer Ausgabe vom 18. Dezember letzten Jahres. Aber es kam nicht zur Katastrophe. Unzählige Arbeitnehmer- und Arbeitgeberhände haben sie verhindert. Sie haben die Kugel festgehalten, ihren Absturz ins Bodenlose aufgehalten.

video


Wir nennt der Künstler diese Kugel aus Händen. Sie ist 2008 entstanden. War das nicht das Jahr, in dem die Finanzkrise ihren Anfang nahm? "Wir", das sind die Menschen, die den Schrott, nein, die Abfälle produzieren, aus denen Peter Schwenk seine Plastiken fertigt. Fundbleche nennt er diese Stücke und vereint sie zu Kugeln: großen, kleinen, farbigen. Eine von ihnen birgt den großen Menschheitstraum in sich: Wenn sich alle Menschen an den Händen halten, kann nichts Böses mehr auf dieser Erde geschehen. Die Kugel ist für alle Ewigkeit gerettet. Um den globalen Frieden zu erlangen und irgendwann mal zu bewahren, darf aber keiner von uns eine ruhige Kugel schieben.

Ausstellung der Gruppe "Brückenkopf"

Die Ausstellung kann bis zum 9. Januar 2011- werktags von 14 bis 18 und sonn- und feiertags von11 bis 17 Uhr - besichtigt werden.

(Foto + Video: Anton Potche)

Sonntag, 2. Januar 2011

Eine knappe Dreiviertelstunde Lebensfreude

Lebensfreude nennen Ernst Hutter & Die Egerländer Musikanten ihre letzte CD. Wie seit Jahren üblich, enthält die Scheibe ein ausgewogenes Gemisch aus Alt und Neu. Dass aber auch das nur vermeintlich Alte meist in hörbarem Neuanzug daherkommt, ist ein Hinweis auf die Professionalität dieses Blasmusikorchesters. Es gelingt den Musikern um Hutter nämlich ganz hervorragend, was der 1. Violinist der Wiener Philharmoniker Peter Götzel mal sinngemäß so zum Ausdruck brachte: „Änderung schon, aber Änderung in dem Klangbild, das man von diesem Orchester erwartet.“ Natürlich bezog der Geiger sich auf eines der besten, wenn nicht das beste, Symphonieorchester der Welt. 

Zum Glück hat aber jedes Musikgenre seine eigenen besten Solisten, Gruppen und Orchester. Wer bei der böhmischen Blasmusik die Spitze seit einer gefühlten Ewigkeit hält, wissen mittlerweile auch Leute, die mit Blasmusik nichts am Hut haben. Dass Die Egerländer Musikanten ihre Frontmannposition sowohl unter Ernst Mosch als auch jetzt unter Ernst Hutter so erfolgreich verteidigen können, liegt auch an der Unverwechselbarkeit ihres Klangs, der sich zwar auch ändert – wie sollte er auch nicht, formt doch noch immer der Mensch mit seinem Instrument und nicht umgekehrt den Ton -, aber eben „in dem Klangbild, das man von diesem Orchester erwartet“.

Sieben der Titel dieser CD sind „alte“ Neueinspielungen. Und doch hat man nie den Eindruck, dass hier einfach nur Altbackenes pflichtbewusst aufgenommen wurde. Nein. Um nur ein Beispiel, weil es eben jetzt aus meiner Anlage klingt, zu nennen: Egerländer Dorfschwalben. Wie schön sind diese Verzögerungen, Augenblicke des Wartens auf das Weiterklingen. Und auch das Gesangsduo Katharina Praher & Nick Loris, das längst selbstsicher auf den anfangs schier übergroßen Spuren Moschs und seiner Partnerinnen wandelt, hat diesen Änderungsprozess mit heiligem Respekt vor dem markenprägenden Klangbild längst verinnerlicht. Abschiedspolka: Wie toll ist doch dieses Verweilen auf dem ersten „e“ des „Lebens“, um dann in einer Sekundenbruchteilverzögerung das Bestehen der Liebe zu beschwören. Ach, wär ich doch noch einmal 20! So und nicht anders würde ich’s anstellen.

Nein, die Wiener Philharmoniker spielen weiß Gott nicht nur Strauß, Lanner, Hellmesberger & Co., aber ihr Ruf für die Ewigkeit wird mit diesen Namen aus der Romantik verbunden bleiben. So einfach haben Ernst Hutter & Die Egerländer Musikanten es allerdings nicht. Daher müssen sie der Mosch-Ära immer wieder neue Impulse geben, um sie in Erinnerung zu halten, ja um ihr Gegenwart einzuhauchen – und zwar so lange, bis sie den Klassikstatus der Romantik erreicht hat. Denn trotz aller Märsche (von Ernst Hutter, Heinz Hermannsdörfer) beeindruckenden Solistenmedleys und Ausflügen in artverwandte Bläsersätze (Ernst Hutter, Klaus Wagenleiter) muss die traumhafte Unverkennbarkeit der böhmischen Blasmusik – ihre Tanzanregung steht der des Wiener Walzers um nichts nach – erhalten bleiben. 

Und es ist erfreulich, feststellen zu können, dass die Walzer- und Polkaseligkeit von zeitgenössischen Komponisten wie Ernst Hutter, Helmut Kassner, Franz Gerstbrein und Nick Loris (präsent auf dieser CD) ein Garant für das Fortbestehen dieses Musikgenres, das mehr Liebhaber hat, als man ihm öffentlich zugestehen will, ist. In ihren Kompositionen feiert Alt und Neu, Tradition und Fortschritt eine vor allem den aufmerksamen Zuhörer beglückende Symbiose. 

Ach ja, was ich dafür bezahlt habe? Ich glaube so um die 17 Euro. Wenig ist es wirklich nicht, aber für eine knappe Dreiviertelstunde Lebensfreude immerhin akzeptabel
.