Montag, 20. März 2017

Seppi und Peppi unterhalten sich über ein geistiges Gemeinschaftswerk von Gröfaz und Reisaz

Seppi und Peppi sitzen an der Theke in ihrem Bahnhofscafé.

- Schon lange nicht gesehen.
- Habe ein Buch gelesen. Das war so spannend, dass ich nicht davon lassen konnte.
- Von wem?
- Ein Gemeinschaftswerk von Gröfaz und Reisaz.
- Von wem?
- Wie von wem? Führer und Sultan! Du kennst die nicht? Da lässt deine Allgemeinbildung aber zu wünschen übrig.
- Schon möglich. Und was haben die geschrieben?
- Sie haben sich unterhalten. Das ist ein Gesprächsbuch.
- Und worüber haben sie sich unterhalten?
- Über die Kriegskunst. Was denn sonst?
- Ah ja, ist ja ein Fachgebiet der Herren.
- Klar. Janitscharen und Panzer.
- Gegeneinander? Ist das nicht ein bisschen ungleich?
- Schmarrn! Miteinander. Ein Bündnis haben sie geschmiedet.
- Der Gröfaz und der Reisaz?
- Ja.
- Aber der Gröfaz ist doch schon lange tot.
- Nur sein Körper, nicht sein Geist. Und sein verkrampftes Geschrei ist auch geblieben. Im Reisaz.
- Und dieser Geist hat jetzt mit dem Reisaz ein Gespräch geführt.
- Mehrere. Sind alle im Buch.
- Und die zwei haben sich gut verstanden?
- Wie nicht? Gleicher Schnurrbart. Gleiche Ideologie. Gleiches Gebrüll. Wenn die wollen, gehört die Welt ihnen.
- Mit Janitscharen und Panzern.
- Logo. Spannender geht’s nicht mehr. Sag ich dir. Du musst das unbedingt lesen.
- Na, ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir lieber etwas Starkes probieren?
- Klar. Raki. Aber von dem 50gradigen.
- Bedienung!

Wie schön, dass der Frühling da ist und der Wind weht. Vielleicht durchpustet er auch das eine und andere Gehirn.

Montag, 13. März 2017

Zeitumarmung

Lektoratskollektiv Verlag Volk und Welt, Berlin: stark und zerbrechlich – Ein Lesebuch – 80 Autoren aus 30 Ländern; Verlag Volk und Welt, Berlin, 1985; Bestell-Nr. 6484885 (gebrauchte Exemplare sind noch bei AMAZON erhältlich)

Man ist ja versucht, bei Anthologien auch auf den Namen des oder der Herausgeber zu schauen. Wessen Geschmack ist hier zu beurteilen, zu bestaunen, zu akzeptieren oder auch abzulehnen? Nicht so in dem umfangreichen Band stark und zerbrechlich. Hier firmiert als Herausgeber das „Lektoratskollektiv des Verlages Volk und Welt“.


Werke von „80 Autoren aus 30 Ländern“ wurden hier im Ostberlin des Jahres 1985 zusammengetragen. Angesichts dieses Untertitels hätte man wenigstens die Zahl der beim Zusammenstellen dieses DDR-Literaturgeschmack-Kanons beteiligten Verlagsmitarbeiter anführen können. Dieses immerhin 759 Seiten umfassende Buch hat aber weder Vor- noch Nachwort, nur einen Klappentext. Aus dem erfährt der geneigte Leser dann, dass „jeder der hier vertretenen Schriftsteller“ auch zum Verlagsprogramm gehört, „viele mit einem großen Teil ihres Gesamtwerkes, andere mit Sammelbänden“, und dass „fast alle Beiträge nach 1945 entstanden sind und hier erstmals in der DDR veröffentlicht werden“. Es bleibt halt alles ein bisschen im Ungefähren.

Nicht ganz aufschlussreich ist auch die mit Füllfeder geschriebene Widmung auf dem ersten Blatt des Buches. Sie sagt immerhin aus, dass B.W. dieses Buch am 10. Juli 1986 jemand geschenkt hat, und zwar mit „Herzlichem Glückwunsch und Gottes Segen zum 50. Geburtstag und ganz herzlichen Dank für den bisherigen Unterricht“. Auf jeden Fall blieb das Buch nicht ewig bei der/dem Beschenkten, mit großer Wahrscheinlichkeit eine Lehrkraft oder ein Aushilfestunden erteilender Student.


Foto: Anton Potche
Aber damit verlässt es den Weg des Ungefähren, denn 2015 fand ich es zwischen Schallplatten, Postkarten, Glas, Geschirr, Porzellan und anderen Büchern in der Bücher- und Trödelhalle in Prora auf Rügen. Preis: 1,-- Euro. Ein Schuppen. Aus der Zeit gefallen. DDR-Überbleibsel. Ostalgie. Faszination pur. Die Literatur dazu? Die findet man in meinem Schnäppchen aus dem unter einem Regal vergessenen und verstaubten Karton einer langsam, aber sicher dem Vergessen anheimfallenden sozialistischen Literaturszene. (Die ausgestellten, leicht einsehbaren Exemplare, waren in der Mehrheit Übersetzungen aus dem Amerikanischen und Englischen.)

Man sollte (sogar als ehemaliger Ostblockbürger) auch ein solches Buch nicht mit Vorurteilen aufschlagen. Ich tat es trotzdem und wurde eines Besseren belehrt. Natürlich gibt es da viel dem sozialistischen Materialismus Geschuldetes. Aber es gibt auch das literarisch Genießbare und die nicht immer nur zwischen den Reihen versteckte Gesellschaftskritik.

Erich Frieds (Österreich) Gedicht Eine Stunde ist dafür das beste Beispiel. Oder Der Waldpfad zur Quelle, ein beeindruckendes Naturgemälde von Malcolm Lowry (England). Dass Tschingis Aitmatow (Sowjetunion) ein Erzähler von Weltformat war, sieht man auch hier in seiner Erzählung Die Klage des Zugvogels.

Von Ana Blandiana (Rumänien) kann man Eine schematische Wunde nachempfinden. Dieses traurige Märchen vom toten Delphin lässt viele Interpretationen, ja sogar politische Gleichnisse vom ersten Satz an zu: „Eigentlich habe ich in dem Moment, als ich das heftige Dröhnen der Schaluppe hörte, gewusst, dass das mein Ende ist, musste der Delphin, von der Übermacht verborgener Gewalten irgendwie eingeschüchtert, innerlich bekennen.“ Wenn man akzeptiert, dass hier die Gefühle des Delphins klare Bezüge zu menschlichen Ängsten aufweisen, dann können wir bei diesem Text von einer sehr gelungenen Fabel – sowohl als Fabulierkunst als auch als literarische Gattung – sprechen. Wäre ich als Rumäniendeutscher nicht befangen, würde ich behaupten, dass diese „schematische Wunde“ eines der besten Prosastücke dieser Blumenlese ist.

Da kommt man bei Max Frischs Fragebogen Nr. 1 auf ganz andere Gedanken. Was der Schweizer mit diesem Fragebogen bezweckte, wusste zu seinen Lebzeiten wohl nur er.

Zum Glück ist ein Charakteristikum jeder Anthologie die Abwechslung. So darf man hier die sehr geglückte Parabel in Bildern Die letzte Blume (Zeichnungen) des James Thurber (USA) bewundern. Man findet auch Texte, die betroffen machen. Sara Lidmans (Schweden) Mahnung Diese Kinder sind Kinder der Menschheit hat mich doch sehr an die Kinder von Cighid erinnert.

Nicht weniger nachdenklich stimmt einen der Romanauszug Das jüngste Gericht von Blaga Dimitrowa (Bulgarien). Wenn der Ich-Erzähler, ein bulgarischer Journalist, seinen rumänischen Kollegen beneidet, weil der sich von zwei Besuchsmöglichkeiten für eine Zementfabrik und nicht für einen Kindergarten entschieden hat, kann man sich leicht die vom Bulgaren vorgefundene leidgetränkte Stimmung im Kindergarten vorstellen. Kein Wunder: Wir sind in Vietnam.

Natürlich ist in diesem Buch auch viel politische Literatur zusammengetragen, war jenseits des Eisernen Vorhangs doch irgendwie alles Geschriebene politisch angefärbt, wenn auch nicht immer gleich erkennbar. Ganz unzweideutig kommt allerdings die Reportage von Jean Genet (Frankreich) daher. Das ist Ostblockpolitik. Mit klarem Sympathiebekenntnis des Betrachters für eine Seite.

Schon im letzten Drittel des Buches angekommen, stößt man dann auf Drei kleine Geschichten von Büchern – ein Hohelied auf die Bibliophilie. Endlich mal wieder etwas, das nichts mit sozialistischem Realismus zu tun hat. Gedankt sei Jaroslav Seifert aus der damals noch existierenden Tschechoslowakei.

Und so wechseln sich die Themen, Genres und Formen bis zur letzten Seite ab. Man trifft auch hier noch auf bekannte Namen wie etwa Nadine Gordimer, Friedrich Dürrenmatt, Albert Camus oder William Faulkner, um nur einige wertfrei zu nennen. Was man vergebens sucht, übrigens im ganzen Buch, sind Arbeiten von Autoren aus der … DDR. Das finde ich sehr befremdlich. Einen Grund für dieses Vorgehen des Verlags könnte man vielleicht aus einem Klappentext-Satz herauslesen: „Unser Lesebuch soll eine Brücke schlagen zwischen Schriftstellern aus aller Welt und ihren Lesern in der DDR.“ Also nur Autoren von draußen und Leser von drinnen.

Sollte mein Weg mich eines Tages wieder nach Prora oder in die Nachbarschaft führen, werde ich dem alten Schuppen in der Poststraße bestimmt einen Besuch abstatten – sofern es ihn noch gibt. Nostalgie hat eben so viel mit Zeitumarmung zu tun.

Anton Potche

Dienstag, 28. Februar 2017

Februar 2017 – Giarmata in den Medien

Aus einer Nachrichtenquelle vor Ort
aus InfoGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt, Februar 2017
- (01.02.2017) Das Rathaus hat die Verantwortung für Wasser & Kanal an die Firma AQUATIM abgegeben. Alle Reklamationen und Probleme müssen ab sofort bei dieser Firma eingereicht werden. Entsprechend werden auch die Preise steigen, kann man auf der Homepage lesen.
- (11.02.2017) Unbekannte haben gleich bei der Einfahrt in die Gemeinde eine Bushaltestelle zerstört. Kein einziger von den Kunststoffsitzen hat überlebt. Der Sitebetreiber ruft die Bevölkerung zu Wachsamkeit auf und erwartet von der Polizei und der Rathausverwaltung energische Maßnahmen. + + + Dazu muss man die Burschen erst mal dingfest machen. Und wie schwer das ist, lesen wir fast täglich auch in deutschen Medien. + + +
- (21.02.2017) Fotos auf der Homepage zeigen einen Feldweg, der nur bei trockenem Wetter befahrbar ist. Es handelt sich um die Strada Soarelui – Sonnenstraße. Natürlich sind die Anwohner sauer. + + + Die Stroß is hinner der Hinnereih un aah dort scheint die Sunn net immer. + + +
- (22.02.2017) Um die vierzig Häuser in verschiedenen Bauphasen stehen in dem neuen Wohnviertel in Giarmata und 60 Bauanträge wurden im Rathaus gestellt. Vergeben wurden aber viel mehr Baugrundstücke. Die Vergabebedingungen sehen vor, dass die Flächen nach einem Jahr bebaut werden müssen oder zumindest ein Bauantrag gestellt werden muss. Weil das in vielen Fällen aber nicht der Fall ist, könnten einige Interessenten ihre bereits zugeteilten Grundstücke wieder einbüßen.
- (23.02.2017) Ein Haus in Cerneteaz ist fast ganz abgebrannt.
- In Giarmata sollen alle Häuser einheitliche Hausnummern bekommen. Der Vorschlag für diese Maßnahme stammt von Gemeinderat Alexandru Bront.
- (25.02.2017) Der kanadische Autozulieferer Litens Automotive Group will in Giarmata eine Produktionsstätte hochziehen. Der weltweit aktive Konzern würde bei einer Realisierung 250 Arbeitsplätze schaffen. In den Artikel ist auch ein Werbevideo integriert.

Die Handballmädchen aus Giarmata sind die Besten
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 01.02.2017
Die im Turniermodus ausgetragene Kreismeisterschaft der Handballjuniorinnen der Gruppe IV, Altersgruppe 2004 / 2005 und jünger, ist nach sieben Spieltagen in verschiedenen Ortschaften zu Ende gegangen. Die Mannschaft von CS Leu Giarmata hat in 14 Partien nur einmal unentschieden gespielt und 13-mal gewonnen. Damit kann sie sich Kreismeisterin nennen und wird zusammen mit den Temescher Mannschaften von HC Jimbolia, LPS Banatul und AS Cîtu an einer Zonenmeisterschaft mit Gruppierungen aus den Kreisen Caraș-Severin und Hunedoara teilnehmen. Beim letzten Turnier in Sânnicolau Mare / Großsanktnikolaus haben die Mädchen aus Giarmata folgende Ergebnisse erzielt:
CS Leu Giarmata – HC Jimbolia  18:11 (9:4)
CS Leu Giarmata – LPS Banatul II  24:10 (11:5)
CS Leu Giarmata -
Juniorinnen IV -
Kreismeister 2016-2017

Fotoquelle: SportTim.ro
Trainerin Doina Picu, mit internationaler Handballerfahrung, spricht von einem „Wunder in Giarmata“. Sie versucht den Mädchen, diese Sportart so zu vermitteln, dass die den Handball „mit einem Lächeln auf den Lippen“ praktizieren wollen. Dieser Erfolg wurde mit folgenden Spielerinnen erzielt: Melissa Rus, Andreea Nistor, Andreea Gorban – Torfrauen; Beatrice Dascălu, Carina Conia, Monica Cobzariu, Andreea Mici, Daria Beghină, Ana Marin, Bianca Cojocariu, Ionela Miculescu, Alexandra Popovici, Denisa Giorgovean, Dariana Vasilescu und Lorena Gajac.
+ + + Als Altjahrmarkter und ehemaliger Handballtorwart – wenn auch nicht bei Jahrmarkt, sondern bei 1. Iunie Temeswar – kann ich mich über solche Nachrichten natürlich nur freuen und den Mädchen weiterhin viel Spaß mit dieser schönen Sportart wünschen. + + +

Brand in Giarmata
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 17.02.2017
Ein Haus, in dem herrenlose Hunde untergebracht waren, ist in Giarmata abgebrannt. Die Tiere konnten alle gerettet werden.

aus ADZ.ro – BANATER ZEITUNG, Timișoara / Temeswar, 23.02.2017
In der Zeitung ist ein ausführlicher Bericht über die Gemeinde Jahrmarkt erschienen. Ein Textabschnitt geht so: „Laut Vizebürgermeister Claudiu Mihălceanu, möchte man im Rahmen des vorgenannten Gemeindeprojekts auch an diesen wertvollen Schatz, das warme Thermalwasser, das hier zur Genüge in etwa 800 Meter Tiefe sprudelt, denken. Der Plan ist folgender: Mit Geldern aus dem Gemeindehaushalt soll ein neues Thermalbad und womöglich, wenn das Geld reicht, auch ein Spa eingerichtet werden. Im Rahmen dieses Großplans, der für eine Gemeindeverwaltung aufs erste etwas zu ehrgeizig aussieht, soll das gesamte Gemeindezentrum umgestaltet werden. Hier plant man, um den genannten Prinz-Eugen-Brunnen eine große Parkanlage anzulegen. Die Gemeinde möchte in dieser Zone auch ein ehemaliges schwäbisches Haus ankaufen und dort ein banatschwäbisches Dorfmuseum einrichten. Hinzu kommt - so der Plan - ein Kinderspielplatz, eine Freilichtbühne, eine Sportstätte mit Skateboard, Fitness-Ecke, ein Platz für Basketball. Als Hauptattraktion und als Unikum in der gesamten Gegend um Temeswar möchte man auf einer Strecke von 1,5 Kilometern eine Schmalspurbahn mit mehreren Haltestellen, mit Lok und Zug für die Kleinsten anlegen.“
+ + + Ich hun mei Fraa gfroot, was e Spa is. No hot’s gsaat, dass des so is, wie wann ehns, asso mei Ongetrauti, mer mit ooner waacher Berscht in der Batwann de Buckl reibt, dass mei Wenichkeit sich gut fielt. Aha! + + +

Umleitung durch die Ortschaft
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 28.02.2017
Ein Betonmischer hat sich auf der Landstraße bei Giarmata bei einem Unfall quergestellt und den Verkehr zum Erliegen gebracht. Die Auffahrt zur Westautobahn war nur durch die Ortschaft erreichbar.
+ + + Des war in der Neigass bestimmt mol e echte Autobahnverkehr. + + +

Heiratsaufgebote im Rathaus von Giarmata im Februar 2017
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt
1.) Bercea Florin-Ilie, 34 Jahre alt, aus Cerneteaz, Kreis Timiş & Năstase Steluța, 18 Jahre alt, aus Covaci, Kreis Timiș (01.02.2017)
2.) Ștefan Liviu-Ioan, 26 Jahre alt, aus Jimbolia, Kreis Timiş & Antosco Estera, 23 Jahre alt, aus Giarmata, Kreis Timiș (06.02.2017)

Fünf kurze Artikel
aus FOAIA de GIARMATA, Timişoara / Temeswar; Februar 2017
Thematisiert wird in jeweils wenigen Sätzen der Mädchenhandball in der Gemeinde, der „Strand“ und das erhoffte Thermalbad, eine neue Schulleitung, die Fertigstellung neuer Sozialwohnungen und ein kurzer Rückblick auf die Gemeinde zur Zeit der „români și șvab“, die den Grundstein dafür gelegt haben, dass Giarmata „sicher auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Geschichte des Kreises spielen wird“.

Montag, 20. Februar 2017

Ein Grund neugierig zu sein

Heinz Czechowski: Die Pole der Erinnerung – Autobiographie – mit einem Nachwort von Sascha Kirchner; Grupello Verlag, Düsseldorf, 2006; ISBN 3-89978-046-9; 282 Seiten, Hardcover;  22,90 EUR

Ich hatte den Namen nie oder nur flüchtig gehört: Heinz Czechowski. Und doch bestellte ich eines Tages seine Autobiografie, den selbstreflektierten Lebenslauf eines 2009 verstorbenen Dichters aus Dresden. Ein guter Teil seiner Schaffensperiode deckt sich also mit der DDR-Zeit. So eine Überlappung ist für mich eigentlich immer ein Grund neugierig zu sein. Bis zum Erwerb eines Buches ist es ab da allerdings noch ein gutes Stück des Weges. Die Strecke bewältigte ich, als ich in einem meiner Ordner eine Artikelserie aus der NEUEN BANATER ZEITUNG / Temeswar aus dem Jahre 1978 durchblätterte. Darin wird die 70-jährige Geschichte der damals im deutschgeprägten Dorf Jahrmarkt im rumänischen Banat aktiven Loris-Blaskapelle erzählt. In einer Fortsetzungsfolge las ich, dass im Jahre 1970 der DDR-Schriftsteller Heinz Czechowski in Jahrmarkt einem Konzert dieser Blaskapelle beiwohnte und dem Kapellmeister Mathias Loris eines seiner Gedichtbände überreichte. Ob und wie der 70-jährige Autobiograf (er schrieb seine Autobiographie im Jahre 2005) sich an diese Episode seines wahrlich abenteuerlichen Lebens erinnerte, wollte ich – als geborener Jahrmarkter, der schon darum nicht alle Konzerte dieses Blasorchesters besuchte, weil er in einer konkurrierenden Kapelle spielte – wissen.

Also habe ich gelesen …, um bis zur letzten Seite keine einzige Erwähnung dieses Dorfereignisses zu finden. Für meine Enttäuschung wurde ich aber anderweitig reichlich entschädigt: Ich las in knapp drei Tagen – für einen wie mich, der nicht zu den Schnellüberfliegern gehört, eine erhebliche Leistung – eine Autobiografie, die nichts mit einem chronologischen Lebenslauf zu tun hat, sondern von mir eher als eine in brillantem Deutsch verfasste Abrechnung mit den eigenen Unzulänglichkeiten wahrgenommen wurde.

Natürlich gehören auch zu dieser Biografie Großereignisse der deutschen Geschichte. Wie anders könnte es bei einem 1935 in Dresden geborenen und dort pubertierenden Jungen sein: Drittes Reich, DDR und BRD. Heinz Czechowski hat auch das mittlere Glied dieser deutschen Geschichtskette ohne öffentlichkeitswirksame Dissidentschaft und trotzdem opponierend überlebt. Aber zu welchem Preis?

Die familiären Erschütterungen dieses Autors ermöglichen auch Einblicke in die tiefen Abgründe der Literaturszene des deutschen Vasallenstaates der großen Sowjetunion: Ehen, Scheidungen, Affären, Nervenzusammenbrüche und natürlich Bespitzelungen noch und nöcher. Ein unruhiges Leben, das eher Stoff für einen autobiografischen Roman als für eine genregetreue Autobiografie liefert.

Und das wurde es dann auch: ein von fesselnder Subjektivität kolorierter selbstbezogener Roman oder eine romanhafte Biografie, so als wäre sie von einem veritablen Romancier und nicht von einem Dichter verfasst. Aber ohne offenkundige Larmoyanz. Nur selten sind die Anderen schuld an den vielen seelischen Beschädigungen. Meistens outet Czechowski sich selber als Ursache allen Übels: „Ich hatte es nach meiner ersten Scheidung eigentlich immer nur zu einer Lebensweise gebracht, die durch Unstetigkeit und Improvisation gekennzeichnet war.“

Ich raste ungestüm durch die vielen tiefen und wenigen Höhen dieses deutschen – zu Beginn ostdeutschen – Dichterlebens der Gegenwart, um dann kurz vor Schluss doch noch den Atem anzuhalten. Viermal erwähnt Heinz Czechowski seinen „damaligen Lektor Werner Söllner“ vom Ammann-Verlag als seinen „Freund“. Zusammen haben sie an Czechowskis letztem bei Ammann erschienenen Gedichtband Wüste Mark Kolmen gearbeitet, ein Buch, zu dem der Dichter ein besonderes Verhältnis zu haben scheint. Er erinnert sich: „Einige der Gedichte sind der letzte Nachhall meiner sächsischen Existenz. Wenn es stimmt, daß Heimat das ist, was man nicht hat, so habe ich meine Heimat in einem doppelten Sinne verloren.“

Die Pole der Erinnerung ist 2006 im Grupello Verlag erschienen. Im Dezember 2009 hat Werner Söllner, der Banater Schwabe, von einer Münchner Bühne herab seine Spitzeltätigkeit für die Securitate publik gemacht, was damals als ein durchaus ungewöhnliches Ereignis eingestuft wurde. Heinz Czechowski († 21. Oktober) hat das öffentliche Geständnis seines ebenfalls heimatlosen Freundes und Lektors nicht mehr mitbekommen. Erschüttert hätte es ihn nach so vielen biografischen Erdbeben bestimmt nicht mehr.
Anton Potche