Montag, 11. Dezember 2017

Eine anspruchslose, aber ansprechende Kompensation

Luzian Geier und Helene Eichinger: Dorf-Sport-Welt – Jahrmarkt / Banat – Erinnerungen, Erlebnisse und Bilder – Versuch einer Dokumentation; HOG Jahrmarkt, Freiburg / Sölden, 2017; für 15 Euro plus 2,60 Euro Porto erhältlich bei Manfred Rosner, Tel. 07121/6967892 und Helene Eichinger, Tel. 0761/408663

Es gibt sie, diese Faltblätter, Broschüren und Bücher, die bewusst nur einen bestimmten Leserkreis ansprechen. Sie erscheinen, oft sogar regelmäßig, in Sportvereinen, Kirchen, Landsmannschaften, Parteien und anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Diese Tradition wird auch von der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Jahrmarkt gepflegt. Und das in einer ziemlich originellen Art und Weise. Was andere HOGs in so weit wie möglich wissenschaftlich fundierten Ortsmonografien für nachfolgende Generationen, wie es gerne so schön heißt, festhalten, versuchen die Jahrmarkter Luzian Geier und Helene Eichinger durch lose erscheinende (meistens an im Zweijahresrhythmus stattfindenden HOG-Treffen) Themenpublikationen zu kompensieren.

Originell ist auch ihre Herangehensweise. Obwohl der Name Geier in der Banat-Forschung einen guten Ruf hat, nimmt der Journalist a. D. und Heimatforscher in den von ihm betreuten Publikationen zu seiner Heimatgemeinde Jahrmarkt Abstand von jeglichem wissenschaftlichen Anspruch. So auch in der letzten Veröffentlichung der HOG Jahrmarkt, die er zusammen mit der HOG-Vorsitzenden Helene Eichinger mit eigenen Texten bestückt und herausgebracht hat.

Man kann zu dieser Vorgehensweise stehen, wie man will. Wichtig ist, was hinten rauskommt, wie ein deutscher Bundeskanzler einmal meinte. Und das ist in diesem Fall ein 250 Seiten umfassendes Buch zum Thema Sport in Jahrmarkt – als die Jahrmarkter noch dort lebten – und sportliche Aktivitäten ehemaliger Jahrmarkter und ihrer Nachkommen hier in Deutschland und in einem Fall in Österreich.

Die Herausgeber bezeichnen ihr Werk als Versuch einer Dokumentation. Also darf schon mal das eine oder andere im Ungefähren bleiben. Solange die Leute das Buch kaufen und beim Lesen in Erinnerungen schwelgen können, machen solche Veröffentlichung Sinn: große Schrift und viele Bilder – also gedacht für die Altersstufen ab 50. Sie können sich mit dem Geschilderten (in Hochdeutsch und Mundart) noch identifizieren und nach bekannten Gesichtern suchen.

Die Beiträge und Zeitzeugeninformationen stammen neben den Herausgebern von Josef Rosner, Peter Kramczynski, Paul Schneider, Susanne Hedrich, Elisabeth Häcker, Michael Lukas, Katharina Kilzer, Erich Tassinger, Olivian Ieremiciu, Mathias Posler, Katharina Scheuer, Johann Pannert, Peter Eichinger, Franz Urban, Erna Linz, Andrea Britt-Dillenberger und Hans Stefan. Für Redaktion und Layout sind Helene Eichinger und Heidi Hajosch verantwortlich.

Jahrmarkter, die auf Erinnerungen, Erlebnisse und Bilder aus der alten Heimat Lust haben, sollten sich dieses Buch kaufen. Es wurde von Jahrmarktern für Jahrmarkter geschrieben, ist leicht lesbar und könnte so manchem Alt-Jahrmarkter noch Freude über Rückkopplungen an entfernte Jugendzeiten bereiten, wie weit auch immer diese schon zurückliegen.

Anton Potche

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Viele Einzelschicksale in Stichworten

Advent. Die Zeit der Lichter. Aber auch die Zeit der Rückbesinnung. Auf das eigene Leben und das Leben Anderer: bekannter und unbekannter Menschen. Das geht schlecht auf lichtdurchfluteten, mit Süßigkeiten und Geschenken überfrachteten Weihnachtsmärkten. Aber es funktioniert ganz gut in ruhigen, warmen (im Sommer kühlen) Museumsräumen. In Ingolstadt ist das zurzeit der Fall. Im Bayerischen Armeemuseum im Neuen Schloss – bis an dessen Eingangstor hat sich der Weihnachtsmarkt in den letzten Jahren ausgebreitet – kann man eine Sonderausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma besuchen. Gefördert wird die Initiative von der Kulturstiftung des Bundes. Die Ausstellung trägt den Titel „Rassendiagnose: Zigeuner“ – Der Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung.

Schautafeln mit Bildern, Zitaten und kurzen Informationen rufen den Besuchern eine Zeit ins Gedächtnis, von der man sich wünscht, es hätte sie nie gegeben, und die man schon darum nie vergessen soll, damit sie sich nie wiederholen wird. Wie wir heute wissen, ist das leider nur ein frommer Wunsch.

Das Ausmaß eines Genozids kann nie in seiner gesamten Tragweite erfasst werden, besteht es doch aus unzähligen Einzelschicksalen, die nur stichwortartig zu einem Gesamtbild beitragen können. So geht es auch dieser Ausstellung. Aber es reicht aus, um diesen Museumssaal in Gedanken versunken zu verlassen und nach wenigen Schritten auf dem Ingolstädter Paradeplatz, umgeben von weihnachtlich gestimmten Menschen in glanzvollem Budenzauber, seinem eigenen Schicksal demütig zu danken, im Hier und  Jetzt leben zu dürfen.

Die Stichworte (Tafelüberschriften) dieser Ausstellung habe ich mir in einen Notizblock notiert: 1.) „Rassendiagnose: Zigeuner“ – Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung, 2.) Populäre „Zigeuner“-Bilder [unter der Überschrift Schöne Zigeunerin wird eine rumänische Postkarte vom Anfang des 20. Jh. und eine Fotoreproduktion des Gemäldes Drei Zigeuner von Alois Friedrich Schönn (1826 – 1897) nach dem bekannten Gedicht Nikolaus Lenaus (1802 – 1850) Die drei Zigeuner gezeigt], 3.) Gesellschaftliche Teilhabe [man sieht Bilder von Sinti und Roma aus der Arbeitswelt und der Kultur wie etwa den Moskauer Roma-Chor vom Ende des 19. Jh.], 4.) Ein gegen „Zigeuner“ gerichtetes Sonderrecht [Schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gab es in Deutschland Sonderrechte gegen die „Zigeuner“.], 5.) Selbstbehauptung [gezeigt werden Bilder von in  der Wirtschaft und im Militär gut integrierter Sinti & Roma.], 6.) Der Völkermord an Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa [Schätzungsweise kamen 500.000 Menschen dieser Volksgruppe ums Leben.],  7.) Rassenideologie als Staatsdoktrin 8.) Totale Erfassung: die „Rassenhygienische Forschungsstelle“, 9.) Kommunale Zwangslager für Sinti und Roma [In Berlin-Marzahn gab es ein solches Lager.], 10.) Formen der Ausgrenzung [In Minden hat ein Schild aus dem Jahre 1943 mit der Inschrift „Zigeunern und Zigeunermischlingen ist das Betreten des Spielplatzes verboten.“ die Zeit überdauert], 11.) Ausschluss aus dem Arbeitsleben, 12.) Ausschluss aus den Schulen, 13.) Ausschluss aus der Wehrmacht, 14.) Einweisung in die Konzentrationslager [ab 1938/1939 in Buchenwald, Sachsenhausen, Mauthausen, Ravensbrück, Dachau], 15.) Österreich, 16.) Die Organisation der Vernichtung: das „Reichssicherheitshauptamt“, 17.) Die ersten Deportationen in das besetzte Polen [Am 21. September 1939 fand unter Heydrichs Leitung eine SS-Konferenz statt, auf der die Deportation von 30.000 „Zigeunern“ aus dem Reich nach Polen beschlossen wurde. Was dann auch geschah.] 18.) Sinti und Roma in den Gettos und Zwangsarbeitslagern,
Fotos: Anton Potche
19.) Die europäische Dimension des Völkermords an den Sinti und Roma, 20.) Tschechoslowakei, 21.) Polen, 22.) Frankreich und Belgien, 23.) Niederlande, 24.) Serbien, 25.) Italien, 26.) Kroatien, 27.) Rumänien [Antonescu bei Hitler], 28.) Sowjetunion [Sinti und Roma in Ostrow organisierten eine Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzungsmacht.] 28.) Ungarn, 30.) Sinti und Roma im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, 31.) Der Deportationsbefehl Himmlers vom 16. Dezember 1942 [betraf 23.000 Sinti und Roma], 32.) Verweigerte Hilfe: Die Rolle der katholischen Bischöfe [Die geistlichen Herren spielten eine höchst unrühmliche Rolle.], 33.) Der Lagerabschnitt BIIe in Auschwitz-Birkenau: das „Zigeunerlager“ [In diesem Lagerabschnitt waren 23.000 Menschen interniert. 90 Prozent von ihnen sind dort gestorben.], 34.) Mengeles Menschenversuche in Auschwitz-Birkenau [mit einem Foto, das man nicht verdrängen kann - grauenvoll], 35.) Der Widerstand am 16. Mai 1944 und die „Liquidierung“ des „Zigeunerlagers“ am 2./3. August 1944 [Der Widerstand der Insassen endete mit ihrer Vergasung.], 36.) Der Weg bis zur Befreiung [Todesmärsche im Frühjahr 1945], 37.) Schwieriger Neubeginn, 38.) Die Deutungsmacht der Täter [Ehemalige SS-Schergen waren nach dem Krieg in bundesdeutschen Polizeiämtern tätig. Sie rechtfertigten ihre verbrecherischen Taten mit dem sperrigen Begriff „Kriminalprävention“.], 39.) Verweigerte Entschädigung und verspätete Aufarbeitung, 40.) Aus dem Schatten heraustreten: Die Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma [Diese Bewegung gibt es seit Ende der 1970er Jahre.] 41.) Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma [gegründet 1982], 42.) Kein Aufbruch nach 1989: Roma als Opfer gesellschaftlicher Ausgrenzung und rassistischer Gewalt [Das ist vorwiegend eine Problematik des früheren Ostblocks.], 43.) Antiziganismus auf dem Vormarsch [Mit 10 bis 12 Millionen Menschen bilden die Sinti und Roma die größte Minderheit Europas.], 44.) Zwanzig Jahre Kampf um ein würdiges Erinnern: Das nationale Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma [befindet sich seit dem 24. Oktober 2012 in Berlin zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichstagsgebäude. Es ist ein Werk des Künstlers Dani Karavan (*1930)].

Die Ausstellung kann bis zum 7. Januar 2018 besichtigt werden.
Öffnungszeiten
Di – Fr: 9:00 – 17:30 Uhr
Sa/So/Feiertage: 10:00 – 17:30 Uhr
24., 25. und 31. Dezember geschlossen
Der Eintritt in die Sonderausstellung ist frei.
Anton Potche

Donnerstag, 30. November 2017

November 2017 – Giarmata in den Medien

Ein Punkt
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 08.11.2017
 Fußball - C4 (Liga III – Serie IV) – 13. Spieltag
CS Nuova Mama Mia Becicherecu Mic - CS Millenium Giarmata  1:1 (0:0)
Torschützen: Daniel Radu (Min. 54) für die Gastgeber und Anagor (Min. 77) für Giarmata
Aufstellung CS Millenium: MiklosSporin, Buzdugan, Stupu, RusDomșa, Codrea, Stoica, Ghighilicea, Ștefănescu (46, Brănișteanu) – Anagor
Tabellenplatz: 13 CS Millenium Giarmata  9
+ + + Gespielt wurde im Arpad-Thierjung- Stadion in Jimbolia / Hatzfeld. + + +

Sieg und Niederlage
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 14.11.2017
Fußball - Liga V Timiș – Serie II – 14. Spieltag
Petroman - Millenium II Giarmata  2:1
Unirea Banloc - Unirea Cerneteaz   1:2
Tabelle: 7 Unirea Cerneteaz  22
              9  Millenium II Giarmata  21

Gemeinderatssitzung am 29. November
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt, 23.11.2017
Bürgermeister Virgil Bunescu hat für den 29. November den Gemeinderat einberufen. 11 Tagesordnungspunkte sind zu bewältigen. Punkt 1 und 2 beziehen sich auf den Wachstumspool Timișoara, in dem sich auch Giarmata befindet. Bei Punkt 3 geht es um das „Schulnetz“ (rețea școlară) in Giarmata. Bei Pkt. 4 soll über denVerkauf einer Immobilie verhandelt werden. Von 5 bis 9 dreht sich dann alles um die Konzessionierung von 50 und den Verkauf von 100 Grundstücken im Frühlingsviertel (Cartierul Primăverii). Für Pkt. 10 und 11 sind „Verschiedenes“ und „Diskussionen“ vorgesehen.
+ + + Auch diese Sitzung zeigt: Giarmata wächst und wächst. + + +

Heimsieg zum Schluss der Hinrunde
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 24.11.2017
 Fußball - C4 (Liga III – Serie IV) – 14. Spieltag
CS Millenium Giarmata - Centrul Național de Pregătire Timișoara  2:0 (0:0)
Torschützen: Alexandru Cherecheș (Min. 49) und Darius Buzdugan (Min. 62)
Aufstellung CS Millenium: Miklos – Sporin, Buzdugan, Cherecheș, Ștefănescu (67, Pricop)– StupuCodrea (87, Vîț) – Stoica (60, Ciontu), Ghighilicea (78, Grunță), RusAnagor.
Tabellenplatz: 12 CS Millenium Giarmata  12
+ + + Die letzten Spiele der Hinrunde werden am 1. Dezember, dem Nationalfeiertag Rumäniens, absolviert. + + +

Torreiche Heimsiege
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 26.11.2017
Fußball - Liga V Timiș – Serie II – 15. Spieltag
Millenium II Giarmata – Utvin   4:2
Unirea Cerneteaz - Petroman  5:2
Tabelle: 6 Unirea Cerneteaz  25
              Millenium II Giarmata  24 

Foto: BanatulAzi.ro
Drei vermisste Mädchen
aus BanatulAzi.ro, Timişoara / Temeswar; 27.11.2017
Die Polizei sucht nach drei vermissten Mädchen und bittet die Bevölkerung um Hilfe. Zwei der Mädchen stammen au einem Mädchenheim in Giarmata: Cozaciu Giorgiana Nicoleta, 16 Jahre alt, 1,50 m groß, ca. 70 kg schwer, rotes Haar, blaue Augen und Muntean Mireana Delia, 15 Jahre alt, 1,60 m groß, ca. 70 kg schwer, braunes Haar, braune Augen. Das dritte Mädchen stammt aus Temeswar: Pentek Anamaria, 15 Jahre alt, 1,55 m, 54 kg, schwarze Haare, braune Augen, trägt Brille, am Tag ihres Verschwindens trug sie eine weiße Jacke mit schwarzen Streifen, blaue Jeans und schwarze Sportschuhe.
+ + + Hoffentlich landen sie nicht in einem Bordell in Westeuropa. + + +

Winterfest in Giarmata
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 29.11.2017
Am 17. Dezember 2017 findet in Giarmata zum siebenten Mal das Brauchtumsfestival statt.

Siegfried Jung im Interview
aus Radio Timișora - Deutsche Sendung, Timişoara / Temeswar; 29.11.2017
Der in Temeswar geborene, sich als Jahrmarkter bekennende und im Rhein-Neckar-Kreis lebende Tubaspieler Siegfried Jung hat der Deutschen Sendung von Radio Temeswar ein Interview gegeben. Der weltweit als Bläser und Lehrer agierende Musiker mit fester Stelle im Orchester des Nationaltheaters Mannheim stellt kurz sein CD-Erstlingswerk Paesaggio vor. Er ist auf der Scheibe zusammen mit seiner Frau Johanna Jung, eine aus Ingolstadt stammende und im Philharmonischen Orchester der Hansesrad Lübeck musizierende Harfenspielerin mit vielen nationalen und internationalen Auszeichnungen, zu hören. Seine mündlichen Ausführungen sind mit Tonbeispielen von der CD untermalt. Jung sagte, dass er „die Tube weiterhin als vollwertiges Soloinstrument etablieren will“. Auf musikalische Familienbande angesprochen, meinte er: „Mein Vater war in der Blaskapelle Trompeter in Jahrmarkt [...] und dann lernt man ja seine Partnerin irgendwann im Orchester kennen. So war’s zumindest bei mir.“ Und er erzählt weiter über sein Heimatgefühl, das vor einigen Jahren in ihm aufkam, als er Jahrmarkt und Temeswar besuchte, obwohl seine Eltern mit ihm auswanderten, als er noch ein Baby war.
+ + + Man kann die Sendung noch einige Tage über folgenden Link hören: http://www.funkforum.net/audio/deutsch/?mp3file=20171129_GermanaNET.mp3 . + + +

Heiratsaufgebote im Rathaus von Giarmata im November 2017
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt
1.) Ștefăneasa Mihai-Marian, 25 Jahre alt, aus Giarmata, Kreis Timiș ∞ Sava Florina-Mădălina, 25 Jahre alt, aus Timișoara, Kreis Timiș  (09.11.2017)
2.) Rubină Liviu, 24 Jahre alt, , aus Giarmata, Kreis Timiș ∞ Petrovici Sabrina, 22 Jahre alt, aus Giarmata, Kreis Timiș  (28.11.2017)

Der Bürgermeister im Interview
aus FOAIA de GIARMATA, Timişoara / Temeswar; November 2017
Roxana Furdean stellte Bürgermeister Virgil Bunescu nur angenehme Fragen. Meistens zur Ruga im September. Alles gut! Es geht in dem Interview auch um den Sport. Auf die Frage nach dem Handball in der Ortschaft sagte der Bürgermeister: „Wir haben eine gute Frauenhandballmannschaft, die noch schöne Erfolge vor sich hat.“ Und auf die Handballtradition in der Gemeinde angesprochen, antwortete er, dass es die gab, „aber im Männerhandball“. Und weiter: „Jetzt reden wir aber vom Frauenhandball, ein Sport, der uns sogar Landesfinals beschert hat.“
+ + + Angenehme Fragen sind leicht zu beantworten. Aber das ist so in den Rathauspostillen – auch bei uns in Deutschland + + +

Montag, 20. November 2017

Seppi und Peppi reden über rumänisches Werteverständnis

Seppi und Peppi sitzen in ihrem Bahnhofscafé und führen ein ernstes Gespräch.

- Wie soll dieses Land nicht untergehen?
- Welches Land?
- Na, das unsere. Siehst du nicht, was da läuft? Lug und Betrug, wo du hinschaust. Keine Werte. Nichts! Gar nichts!
- ??
- Die Kultur liegt am Boden. Zerstört! Kaputtgemacht! Was ist das für ein Land, in dem Schulabbrecher schwindelerregende Karrieren machen. Bis hinauf zum Außenminister.
- Wie kommst du jetzt auf dieses Thema?
- Weil ich gehört habe, dass es auch Länder – oder zumindest eins – in der EU gibt, wo das nicht funktioniert. Gar nicht!
- Wie heißt denn dieses Wunderland?
- Rumänien.
- Wie bitte?
- Sagte ich doch: Rumänien. Dort sind schon die Schulnoten größer und damit aussagekräftiger als in unserem Schulsystem, wo sowieso jedes Bundesland macht, wie sein Kultusminister gerade lustig ist. In Rumänien sind Schulzeugnisse noch etwas wert. Und wehe, du erklimmst einen Posten, der dir nicht zusteht. Dann fliegst du.
- Ehrlich?
- Ja. Man ist eben anspruchsvoll im Lande eines Dracula.
- Und wird wohl gleich gepfählt, wenn ...
- Das heutzutage nicht mehr. Aber deinen Job bist du los. Ganz gleich wo du arbeitest. Sogar in der Kultur.
- In der Kultur? Da brauchst du zuerst Talent und dann kommt der Rest.
- Nicht in Rumänien. Dort haben Schulnoten die größte Aussagekraft. Dort musst du eine Zehn haben – nicht eine mickrige Eins wie bei uns –, um in der Kultur zu bestehen.
- Wau! Ein Beispiel gefällig?
- Da gibt es genug. Zum Beispiel eins, das gerade jetzt in Temeswar, weißt schon, diese rumänische Stadt im Westen des Landes, über die Bühne geht. Dort haben sie jetzt den Intendanten des Deutschen Staatstheaters – die haben so etwas noch – gefeuert.
- Wegen seiner Abschlusszeugnisse?
- Klar. Der Mann hat zwar Deutsch - Englisch und Jura studiert und seinen philologischen Abschluss in einer Arbeit zum Thema Theater gemacht, aber ...
- Klingt doch gut.
- Reicht aber nicht. Denn die Spezialisten im Temeswarer Rathaus haben seine bisherige Intendantenarbeit am Deutschen Staatstheater bewertet. Und ihn benotet, wie sich das in einem makellosen Rechtstaat wie Rumänien auch gehört.
- Und?
- Das kannst du dir doch denken. Es hat eben nicht gereicht: 9,88. Mit so einer Note kannst du keine Kulturinstitution leiten.
- Aha, eine Art Numerus clausus für die Kultur. Also war der Mann – wie heißt er denn? – …
- … Lucian Vărșăndan ...
- … schon länger an dem Haus beschäftigt?
- Zehn Jahre.
- Zehn Jahre? … Und jetzt findest du es gut, dass er keinen neuen Vertrag bekommen hat, nach zehn Jahren am selben Theater? Wegen 0,12 Punkten zur rumänischen Traumnote?
- Na klar! 10 ist 10. Da geht nichts! Gesetze sind heilig in Rumänien. Da galt schon immer nur das Beste vom Besten.
- Und jetzt? Haben sie schon einen neuen Intendanten?
- Na klar. Hier, ich habe eine deutsche Zeitung aus Rumänien gekauft. Ich habe sie zwar noch nicht gelesen, aber da ist eine Überschrift auf der ersten Seite: „Der Beste leitet ab nun die Geschicke des DST“. Das ist dieses deutsche Theater in Temeswar. Aber kannst ja selber lesen.
- Ah, ja. Soll ich laut lesen?
- Ja, bitte.
- „Ioan Bolduran hat, aus der Sicht des Bürgermeisters, geordnetere Studien als Vărșăndan: Er hat die Mechanikfakultät absolviert, danach war er Handelsdirektor in einem landwirtschaftlichen Betrieb und in der Strumpffabrik, und zum Schluss Direktor in der Firma SC Getax SA.“ ... Oh, ja, klingt nicht schlecht für einen Intendantenposten an einem Theater. Da wird wenigstens die Bühnenmechanik einwandfrei funktionieren, die Schauspieler werden regelmäßig mit frischem Obst und Gemüse versorgt und bekommen bestimmt keine kalten Füße - selbst bei der weisen Entscheidung des Temeswarer Bürgermeisters nicht. Wie heißt denn der gute Mann? Ich meine der Bürgermeister? Steht das auch in der Zeitung? … Du bist ja plötzlich so still. Diese rumänischen Wertvorstellungen scheinen dir nicht zu bekommen. Soll ich etwas Starkes bestellen?
- Ja bitte. Aber Doppelte!

Der November ist nicht von ungefähr der das Gemüt bedrückendste Monat des Jahres.

Montag, 13. November 2017

Wann Musikante Spure hinnerlosse

Was macht des noch forr e Sinn, iwer die Egerländer Musikante zu schreiwe. Des passeert doch schun fast täglich, irgendwu in Deitschland odder i’me Nochberschland. Die Kapell hinnerlosst ehre Spure iwerall, wu se spillt: in de Zeidunge, de lokale Radio- un Fernsehsendre un im Internet sowieso. Asso schreib ich nicks, hun ich mer gsaat, merr muss jo net widerholle, was schun hunnerte Annre in der oon odder anner Form mol gschrieb hun. Kaaft hun ich mer die nei CD vun de Egerländer Musikante awwer doch.

Die werscht der jetz ganz lescher onhorche, hun ich mer gedenkt. Norr forr mich. Ohne irgendwelche Geräusche vun wu annerscht. Asso hun ich die Scheib in mei Laptop gschob un die Ohrmuschle ufgsetzt. Start. Un ich war schun vlor. Wie automatisch hun mei Fingre noh der Maus gegriff un e Word-Dokument ufgemach.

Jetz hot die weiß Seit do vor mehr gstann un mer is norr oons Wort ingfall: scheen. Ich kann doch die Seit net vollschreiwe mit oom Wort, obwohl des, was ich gheert, besser gsaat, miterlebt hun, es verdient hätt - e Seit mit oom Wort: scheen. Noo hot’s Booklet, des Heftche, wu bei der CD dabei is, mer aus der Patsche gholf. Gut dass ich nin gschaut hun, un net wie so oft, wann ich die Egerländer Musikante norr forr mich loonich ufspille loss, die Aue glei zugemach hun, un ab geht’s zrick in Zeit un Raum - asso in die 70er Johre vum voriche Johrhunnert un in die Kulturheime in der Banader Haad un Heck.

Fotos: Berns Toni
Die Egerländer hun aah desmolrum forr mich gspillt, im Hinnergrund. Ich hun die Aue  awwer ufgeloss un hun geles. Aah des hot mich bereert, was de Kapellemaaster, de Ernst Hutter, do in des Begleitbichlche ningschrieb hot. Er hot mit seim Sohn Stephan e Marsch komponeert un ne seim „leider viel zu früh verstorbenen Vater und dem Opa [s]einer Söhne“ gewidmet: Gloria Patri. Aah de Klanettist Peter Jenal hot e Stick gschrieb, des wu vun seiner Familie, odder genauer gsaat, vun dem verzählt, was ehm un seiner Fraa desjohr passeert ist: Omama un Opapa. Un de Freek Mestrini hot „seinen Abschied aus der aktiven Musikerlaufbahn gefeiert“, awwer net, bevor er noch zwaa Polkas forr die CD arranscheert hot: Alte Liebe un Dorfschmied.

Wann merr des alles so lest, noo versteht merr aah de Titel vun der CD: Das Feuer brennt weiter. Un es brennt net norr in dee hervorragende Musikante, es brennt aah immer wedder in mer. Und des sogar beim Lese, net norr beim Zuhorche. Ich fahr mer mit der Hand iwer die Frisur un will, un will net glaawe, was do steht: De Safersch Hans is noh em Kapellemaaster de dienstältst Musikant bei de Egerländer Musikante. Jetz muss ich mei Maus ruhe losse. Sie speert, wie mei Hand ziddert. 30 Johr unrem Ernst Mosch un unrem Ernst Hutter Blechmusik zu spille, muss jo so e bissje wie de Himmel uf der Erd sein. Schun forr des hot sich sei abenteierlichi Flucht aus’m Banat – mit seim Bruder Helmut – gelohnt. Lang, lang is des her. Wann ich mich gut erinner, war’s 1982. Zwaa Sticker vum Safersch Hans, die wu, um’s mi’m Hutter seim Wort zu soon, schun längst „Klassiker“ sin, hun die Egerländer forr die CD nei ingspillt. Un die hooße net umesunst Egerländer Perle un Erinnerungen an Zuhaus. Es gebt ka Gegenwart un aah ka Zukunft ohne Vergangenheit. So war un is es aah beim Hans: Die Johrmarker Erinnerung is in e Egerländer Tongebilde gschluppt wie’s Perlmutt in die Muschl, un entstann is e Perle.

Als Beweis, dass so etwas funktioneert, kann merr sich uf der CD e scheene Walzer vu’me annre Johrmarker onhorche. Aah do ware die Erinnerunge mit im Gspill, vleicht sogar e bissje Hoomweh. Wie annerscht wär des Stick zu seim Titel kumm? Am großen Brunnen hot de Turmanns Nicki  sei neiesti Komposition getaaft. Ich waaß nemmi, wu ich mei eerschtes Mädche in Johrmark gekisst hu. Wann ich mer des Stick vum Turmann awwer onhorch, kännt ich mer schun vorstelle, dass er noch net vergess hot, wu er es Kisse geprobt hot. Na vleicht hot jo irgendwu in der Näh es Wasser vum Große Brunne geplätschert.

Ich kann mer aah ganz gut vorstelle – un uf des sin ich sogar stolz – dass de Egerländerchef Ernst Hutter so ähnlich denkt wie ich, weil er schreibt in dem Bichlche: „Die verlorene oder verlassene Heimat ist in unserer heutigen Welt für viele Menschen eine traurige Gewissheit. Viele Lieder sind in unserem Repertoire zu diesem Thema entstanden und werden immer aktuell bleiben. In den Texten darin wird zum Ausdruck gebracht, was Menschen empfinden, die ihre Heimat verloren haben.“

Ich hun geles, dass die Egerländer uf’s Johr uf Ingolstadt kumme. Awwer ich waaß net, ob ich mer des onton un zu dem Konzert gehn werr, weil immer verstärkt sich bei de Egerländer-Konzerte bei mer des Raum- un Zeitgfiehl, des wu ich am Onfang erwähnt hun. Ich speer do an alle Glieder, wie ich jinger werr un … wann ich hoom kumm, muss ich mer noo immer onhorche, dass mei Kerweihmäd un –buwezeit schun lang rum is. Macht nicks, wann norr die Erinnerung bleibt, an de Safersch Hans, de Turmanns Nicki un all die ville Annre, die wu aah mei Lewe vun Gester ausmache.
Berns Toni